Designer Jay Machalani im Interview:

© Jay Machalani

Designer Jay Machalani im Interview: "Designer sollten etwas machen, was die Leute hassen"

Jay Machalani gilt als der inoffizielle Vater des kommenden Windows 10-Startmenüs. Im Interview verrät der kanadische Experte seine Design-Philosophie und erklärt, warum angehende Designer zu Anfang Ihrer Karriere kräftig Gegenwind bekommen sollten.

Jay, wie fühlt es sich an, als der geistige Vater der Windows 10 Benutzeroberfläche (UI) zu gelten? 

Auf eine Art und Weise verrückt, um ehrlich zu sein!

Deine Design-Idee namens Windows 8.2 basierte ja auf dem nicht gerade konsistenten Modern Design von Windows-8, kombiniert mit dem klassischen Startmenü von Windows 7. Microsoft hat Dich daraufhin auf seinen Campus eingeladen. Wie war das für Dich? Haben sie Dir einen Job angeboten für das neue Windows?

Ja, sie haben mir tatsächlich eine Stelle angeboten. Allerdings hatte ich zu der Zeit schon mein Startup gegründet, unterstützt von Investoren, großartigen Angestellten und einem wirklich tollen Projekt, das bald launchen wird. Die Stelle bei Microsoft wäre mein Plan B gewesen.

Was hättest Du dort machen sollen?

Ich hätte in einem Team arbeiten sollen, das für ein Design verantwortlich ist, das Windows, Windows Phone und Xbox zu einer integrierten Plattform verschmelzen soll.

Hast Du von Microsoft Honorar für das Windows-8.2-Design erhalten, das sehr nahe an der mittlerweile offiziellen Benutzeroberfläche von Windows 10 ist?

Nicht wirklich, nein. Meine Design-Ideen waren ja offene Vorschläge, und ich habe wortwörtlich in meiner Forschung geschrieben, dass sie meine Ideen gerne auf welche Art auch immer verwenden können - oder mir eine Xbox One schenken können. Tatsächlich habe ich eine Xbox One bekommen, was wirklich großartig war. Ich meine, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie zuvor schon an sowas ähnlichem gearbeitet haben, und es gibt keinen klaren Beweis, ob und was sie von meinen Designs genommen haben, also ist das für mich eine tolle Sache gewesen. 

 

Du hast auch alternative Design für die Online-Spieledistributionsplattform Steam und Apples iOS angefertigt. Hast Du von Valve und Apple Feedback diesbezüglich erhalten?

Nein, es gab keine offizielle Rückmeldung diesbezüglich

Was gefällt Dir am Design der beiden Plattformen nicht?

Sie sind nicht effizient genug. 

Du bist ein Benutzeroberflächen-Experte. Was ist Deiner Meinung nach die allerwichtigste Sache beim Erstellen einer UI?

Sich nicht mit etwas zufrieden geben, was im ersten Moment als ok erscheinen mag. Ja, es ist schwer, eine gute Balance für alles zu finden - also eine Oberfläche zu erschaffen, die gut für berührungsempfindliche Geräte wie Smartphones und Tablets, als auch für klassische Geräte wie Desktop-PCs ist. Doch es ist möglich. Die iOS-Designs, die ich angefertigt habe, haben bewiesen, dass - wenn der Nutzer iOS so mag, wie es ist - nichts am System geändert wird. Und doch ist es für andere möglich, mehr aus dem System herauszuholen. 

Wie hast Du all die UI- und Programmierfähigkeiten erlernt?

"Trial and error" seit ich ein kleines Kind war. Viel lesen, noch mehr ausprobieren, und es liegt mir auch einfach im Blut. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen deswegen, weil es nicht wirklich ein Talent ist, wie manche behaupten. Es ist nur so, dass mir diese Sachen leicht fallen, es normal für mich ist und im Lauf der Zeit - auch durch Fehlschläge - immer besser wurde.

Was sind Deine persönlichen Design-Regeln?

Einfachheit. Minimalismus. Flexibilität. Wenn Du Dich fragst, ob dieses oder jenes eingebaut werden sollte, dann sollte es nicht integriert werden. Wenn Du ein Design anfängst, damit Du ein Design anfängst gemäß dem Motto "vielleicht würde ein Schattenwurf hier nett aussehen", dann ist das falsch. Wenn es Deiner Mama gefällt, ist es nichts für Deinen Poweruser, also finde einen Kompromiss, der beide glücklich macht. 

Wie wichtig ist Deiner Meinung nach ein Universitätsabschluss (Bachelor oder sogar Master) für einen Programmierer/Designer heutzutage?

Ich lebe in Montreal, wir haben ein sehr unterschiedliches Bildungssystem in Kanada. In Quebec habe ich meinen Highschool-Abschluss, was allerdings die Anzahl an Schuljahren angeht, würde ich in den USA und Restkanada als Schulabbrecher gelten. Design ist etwas, für das man in erster Linie eine große Leidenschaft empfinden sollte. Man lernt daheim durch Ausprobieren um vieles mehr als in einer Schule, wo man am Ende im Unterricht noch eine völlig andere Designsprache lernt. Wenn man gut ist, ist man gut. Ich habe keinen einzigen Universitätsabschluss.  

ZUR PERSON
Jay Machalani
ist ein kanadischer Designer. Er ist auf Benutzererfahrung (UX) und Benutzeroberflächen (UI) spezialisiert und hat sich mit seiner Firma kolab/NXE selbstständig gemacht. Das erste Projekt ist eine vernetzte Co-Working-Plattform für Schulen. Jay lebt in Montreal.

Was würdest Du Anfängern empfehlen?

Jede Menge Fehler machen, für die Arbeit beleidigt werden, etwas machen, was Leute hassen... Ich meine, wenn man Sachen ausprobiert und die Resultate im ersten Moment schlecht sind, bekommt man zuerst kräftig Gegenwind. So lernt man aber, wie es läuft und was nicht funktioniert, und ebnet auf diese Art und Weise seinen Weg als Designer. Es ist kein leichter Pfad. Doch je mehr man getroffen wird, desto besser wird man.

Welche Fähigkeiten beziehungsweise welches Basiswissen sollte ein Designer haben, wozu sollte ein Programmierer fähig sein?

Ein Designer muss zu seinem Designstil stehen und jedes noch so kleine Detail perfekt erläutern können. Nichts im Design sollte unbekannt sein, die Farben, die Positionen, die Größen der Elemente... alles hat seinen Sinn zu erfüllen. Für Programmierer sollte Ethik und Organisation an erster Stelle stehen. Man muss zuerst etwas aufbauen, das klein und effizient ist. Daran sollte auch nicht gerüttelt werden, etwa indem später zurückgegangen und tonnenweise Ausnahmen hinzugefügt werden, weil man ein Feature vergessen hat oder zu Beginn nicht an eine gewisse Möglichkeit gedacht hat. 

Ist es heutzutage leichter, Apps mit den verfügbaren Software Developer Kits (SDK) zu erschaffen? Oder ist nach wie vor tiefes Wissen in Java, C++ oder anderen Programmiersprachen von Nöten?

Es ist definitiv leichter zu coden heutzutage. Nehmen wir Construct als Beispiel, eine Software, mit der Spiele erschaffen werden kann. Man muss keinerlei Ahnung von Coding haben, aber es ist um vieles leichter, wenn Wissen vorhanden ist:  Die Logik, wie das Programm funktioniert, verstehen, was hinter dem Vorhang passiert und die Möglichkeit haben, nach einem Export in die Codezeilen zu springen und manuell ein paar Dinge zu verbessern...

Sind Apps Deiner Meinung nach die profitabelste Art und Weise für einen Entwickler, Geld zu verdienen?

Ja, ich denke schon. Apps sind substanziell für eine Plattform, obwohl ich es bevorzugen würde, wenn Firmen mehr Fokus auf die Kernerfahrung legen würden. Windows Phone hat im Vergleich zu iOS nach wie vor schlechte Karten, was die Anzahl an Apps angeht; aber die Kernerfahrung des Betriebssystems ist um vieles netter in puncto Design, Feinarbeit et cetera. Darum liebe ich mein Lumia 930. Aber aus Entwicklersicht sollte der Fokus auf qualitativ hochwertigen und nützlichen Apps liegen, die Leuten helfen. Wir leben in einer Zeit, in der Programme wie Instagram und Snapchat mehr schlechtes denn gutes tun.

Welche Apps hast Du bisher erschaffen? Wie erfolgreich waren sie?

Ich bin kein Coder. Die einzigen zwei Dinge, für ich wirklich mal gecodet habe, ist ein Spiel an dem ich gerade programmiere, sowie die Plattform, an der ich mit meiner Firma arbeite. Beides ist jedoch noch nicht fertig. 

Sprechen wir über Design-Sprachen: Wird HTML5 die Universalsprache für alle Webdesigner sein? Oder werden Ajax, Python, Java oder Ruby on rails auch künftig existieren?

Meiner Meinung nach liegt die Zukunft in fortgeschrittenem CSS, EC^6 (Javascript) und künftigen Versionen von HTML. Klasse Programme wie WebRTC werden besser und besser

Wird Flash obsolet werden?

Als Plugin, ja. Als App, mehr oder weniger.

Ist das Fluch oder Segen?

Ich würde Segen sagen. Keine Firma sollte einen Standard kontrollieren, vor allem keine mit einer derart zweifelhaften Vergangenheit, was Updates, Sicherheit und Verbesserungen anbelangt (gemeint ist Adobe, Anm.d.V.).
 
Bevorzugst Du Festanstellung oder Freiberuflichkeit?

Nun, wenn die Vollzeit in der eigenen Firma verbracht wird, fühlt sich das ganz gut an. 

Was macht Dir mehr Spaß? UIs erschaffen oder Apps programmieren?

UIs erschaffen. Nutzererfahrungsforschung und Problemlösung. Es gibt nichts zufriedenstellenderes, als Tage vor einem Whiteboard zu verbringen und dort mit psychologischen und technischen Variablen zu spielen.

Woher kommen Deine Ideen?

Ich glaube, die einzig adäquate Antwort ist: aus meinem Gehirn.

Danke, Jay, für Deine Zeit.

© Alle Bilder: Jay Machalani

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