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Netzwerken für Introvertierte

Netzwerken für Introvertierte

Kontakte knüpfen gehört im Berufsleben dazu, heisst es. Was aber tun Menschen, die nicht gerne auf andere zuzugehen? Wir haben ein paar Ratschläge.



Von Vera Sohmer

Was haben Barack Obama, Angela Merkel, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Tilda Swinton und Götz George gemeinsam? Sie alle sind berühmt – und introvertiert. Die Beispiele zeigen: Auch als leiser Mensch kann man es sehr weit bringen und im Rampenlicht stehen. Und letzteres machen die Vorzeigeleute aus Politik, Wirtschaft und Filmgeschäft offenbar gar nicht so ungern. Normalsterbliche Introvertierte müssen sich natürlich nicht derart in der Öffentlichkeit bewegen wie ihre typverwandten Promis.

Überall droht die Kontaktpflege

Dennoch kommt auch der durchschnittliche Berufsmensch manchmal nicht umhin, sich sehen zu lassen: Im Betrieb gibt es mal wieder einen Empfang mit der Geschäftsleitung. Die eigene Abteilung trifft sich mit dem Team einer anderen Abteilung zum Arbeitsessen. Man wird auf eine Fachmesse geschickt. Oder hat sich für ein Seminar eingeschrieben. Wer pflicht- und karrierebewusst ist, hat irgendwann gelernt: Derlei Anlässe dienen auch der Kontaktpflege.

Dass die ruhigen Naturen schon beim Gedanken daran meistens ein mulmiges Gefühl beschleicht, ist kein Wunder, sagt Devora Zack, die einen Leitfaden für "Networking-Hasser" verfasst hat. Jahrelang sei Berufsleuten eingetrichtert worden, Kontakte knüpfen sei die Kernkompetenz der Extrovertierten. Diesen dampfplaudernden, omnipräsenten Personen mit ihren weit verzweigten Netzwerken.

Introvertierte sehen sich im Nachteil

Die Kommunikativen sind unter Menschen schliesslich im Element und laufen in Gesellschaft zur Hochform auf. Verglichen damit sehen sich Introvertierte im Nachteil. Veranstaltungen zu besuchen, kostet sie Überwindung. Auf andere zuzugehen, fällt ihnen schwerer. Und nach einem Anlass mit vielen Leuten fühlen sie sich wie durchgekaut und ausgespuckt und wünschen sich ausgedehnte Regenerationsphasen – in absoluter Abgeschiedenheit.

Das ist völlig normal, beruhigt Sylvia Löhken, die sich selbst als introvertiert bezeichnet und ein Netzwerk für ähnlich gestrickte Menschen unterhält. Im "Intro-Biotop" tummeln sich viele Wissenschaftler und IT-Leute. Introversion habe nichts mit Schüchternheit zu tun, also mit der Angst vor sozialen Kontakten. Vielmehr damit, sich auf die eigene Innenwelt zu konzentrieren.

Man muss sich nicht verbiegen, um trotzdem dabei zu sein

"Intros" verwenden viel Energie darauf, das, was um sie herum passiert, mit dem abzugleichen, was in ihnen vorgeht. Diese hohe Verarbeitungsrate führt auch dazu, dass diese Menschen leicht überstimuliert sind, wenn zu viele Reize auf sie einprasseln, und sie die Interaktion mit mehreren Personen gleichzeitig so anstrengend finden. Daher der schwirrende Kopf und die Ermattung, wenn sie einen Anlass mit vielen, wild durcheinander quasselnden Teilnehmern besucht haben.

Das alles bedeutet aber nicht, dass die Stillen und Leisen derartige Veranstaltungen meiden sollten. Im Gegenteil: Sind sie klug, mischen auch sie sich hier und da unters Volk. Verbiegen müssen sie sich dabei nicht, wenn sie es auf ihre Art tun und folgende Regeln einhalten:

  • Die eigenen Bedürfnisse und Stärken kennen und nutzen
  • Sich auf wenige Menschen konzentrieren
  • Für Ruhepausen sorgen und die Zeit begrenzen

Entgegen der landläufigen Meinung haben Introvertierte viele Eigenschaften, die beim "Netzwerken" von Vorteil sind. Sie gelten als ausgezeichnete Beobachter und Zuhörer. Als Gesprächspartner, die konzentriert bei der Sache sind und dem Dialog Substanz und Tiefe verleihen. Zudem können sie sich gut in andere hineinversetzen. Sie merken es in der Regel, wenn auch das Gegenüber keine Lust mehr hat auf Konversation. Und sie sind beharrlich, was ebenfalls ein Pluspunkt ist, denn einen soliden Kontakt aufzubauen, dauert nach Angaben von Experten gut zwei Jahre.

Strategische Sichtbarkeit

Bleibt die Frage, ob Netzwerkpflege für Job und Karriere tatsächlich so wichtig ist, wie in Bergen von Büchern seit Jahren geraten wird. Und Schätzungen vermuten lassen – 85 Prozent aller Management-Positionen werden über Beziehungen vergeben. Also an Personen, die man kennt oder einem empfohlen wurden. Sylvia Löhken sieht es pragmatisch: "Wer gut vernetzt ist, kommt schneller an relevante Informationen." Das könne sich als wertvoll erweisen.

Und warum nicht dafür sorgen, dass die richtigen Akteure erfahren, was man kann und was man leistet? Das habe nichts mit plumper Vermarktung zu tun, sondern mit "strategischer Sichtbarkeit." Denn Tatsache sei: Befördert wird viel, aber auch die Fähigsten und Fleissigsten werden übersehen, wenn sie nicht ab und zu auf sich aufmerksam machen.

(Foto: Kristian Sekulic, istockphoto)