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Teilzeit arbeiten mit Strategie

Mit den richtigen Argumenten gelingt der Umstieg auf Teilzeit. Danach gilt es zu verhindern, dass sich durch die Hintertür wieder der volle Stress einschleicht. Karrierestrategien für Teilzeitarbeiter.

Christoph Sutter kämpft gegen den Klimawandel. In Kolumbien forstet er verödete Flächen wieder auf. Nahe der chinesischen Großstadt Suzhou nutzt er Methangas aus einer Mülldeponie zur Stromerzeugung. Er hat dafür gesorgt, dass die Schweizer Nationalmannschaft klimaneutral zur Fußball-WM geflogen ist. Als Vorstandschef der Züricher Projektierungs- und Beratungsgesellschaft South Pole Carbon, die in 20 Ländern Treibhausgase reduzieren hilft, steuert Sutter zehn Niederlassungen von Bangkok bis Mexiko City. 

Halbe Arbeitswoche, voller Einsatz

Ein Job, der vollen Einsatz verlangt – aber keine volle Arbeitswoche. Im November 2009 ist Sutter von einer 100-Prozent-Stelle, die wahrscheinlich gefühlten 150 Prozent entsprach, auf eine 80-Prozent-Stelle und somit auf in Teilzeit arbeiten zurückgegangen. Der Grund war die Geburt seines Sohnes, den er gemeinsam mit seiner berufstätigen Partnerin aufziehen wollte. "Die Zukunft wird zeigen, wie erfolgreich dieses Setting sein wird. Ich bin neugierig und guten Mutes", sagte Sutter damals.

Das "Setting" klappt sehr gut, stellt Sutter heute fest. "Mein Vatertag am Freitag gehört zu meinen wertvollsten Tagen in der Woche", sagt er. "Er ermöglicht mir, eine intensive Beziehung zu meinem Kind aufzubauen. Wenn man ideologische Scheuklappen weglegt und die Sache professionell sachlich angeht, sieht man sofort, dass auch ein CEO sich einen Tag pro Woche zu Hause leisten kann."

Aus Arbeitgebersicht argumentieren

Erst recht gilt das für Mitarbeiter, die keine Führungskräfte sind. Doch viele Vorgesetzte denken anders über in Teilzeit arbeiten. Sie befürchten Abstimmungs- und Vertretungsprobleme. Mancher Häuptling sieht auch seine Hausmacht schwinden, wenn Vollzeit- zu Teilzeitindianern werden. 

Deshalb muss der Mitarbeiter gegenüber Chef und Personalabteilung den Nutzen für das Unternehmen hervorkehren. "Erstens ist es attraktiv, fast 100 Prozent Leistung zu 80 Prozent Lohn zu bekommen", sagt Andreas Keel, Mitinhaber der Teilzeit AG im schweizerischen Altstätten, die das Online-Portal Teilzeitkarriere.com aufgebaut hat. "Dann zeugt es von großer Willenskraft, das vorgesehene Aufgabenportefeuille in kürzerer Zeit bewältigen zu wollen. Und drittens würde ich die Erfahrungen einbringen, wie ich den Rest der Zeit verbringe. Als Vater lerne ich, was es heißt, jeden Tag fünf Konflikte mit Kindern zu bewältigen oder sie pünktlich für die Schule bereit zu machen."

Auch "Teilzeitler" sollten hart verhandeln

Lässt sich der Chef nicht überzeugen und kann er betriebliche Gründe anführen, die den gesetzlichen Anspruch auf eine Verringerung der Arbeitszeit aushebeln (siehe Artikel "Was Sie über Teilzeit wissen müssen"), bleibt oft nur ein Wechsel des Unternehmens. Ein schwerer Schritt, denn Personaler lassen sich die begehrten Teilzeitstellen gern mit Zugeständnissen beim Gehalt "abkaufen". 

Die Münchener Karriereberaterin Claudia Kimich empfiehlt dennoch, im Vorstellungsgespräch so hart zu verhandeln, als ginge es um einen "normalen" Job. Sie berichtet von einer IT-Servicemanagerin, die für eine 20-Stunden-Stelle ein überdurchschnittliches Gehalt und eine Homeoffice-Lösung verlangte. Die Mandantin staunte nicht schlecht, als das Unternehmen zusagte – später erfuhr sie, dass am selben Tag ein Top-Mitarbeiter aus genau ihrem Spezialgebiet gekündigt hatte. "Glück gehabt und gleichzeitig gut verhandelt", meint Kimich dazu.

Immer schön freundlich

Wer sich seinen Teilzeit-Wunsch erfüllt hat, ist deshalb noch lange nicht wunschlos glücklich. Viele Beschäftigte klagen über Arbeitsverdichtung, die im Extremfall bedeutet, dass aus Teilzeit klammheimlich wieder Vollzeit wird – nur nicht finanziell. "Treffen Sie klare Absprachen, zum Beispiel über den finanziellen oder freizeitlichen Ausgleich von Überstunden", rät Trainerin Kimich. "Halten Sie diese Absprachen in jedem Fall schriftlich fest. Lernen Sie nein zu sagen und sich abzugrenzen. Das tut meistens gar nicht weh, wenn Sie es einmal ausprobiert haben. Meistens werden Sie sogar mehr respektiert als vorher. Trauen Sie sich!"

Dabei wird der größte Druck nicht vom Unternehmen ausgeübt. Es gibt immer den einen oder anderen "lieben Kollegen", der aus Gewohnheit, mangelnder Organisation oder schlicht aus Neid nicht mit der veränderten Situation zurechtkommt. Ein Alarmsignal sind Besprechungen, die regelmäßig dann stattfinden, wenn der Teilzeitarbeiter frei hat. Marie-Therese Herbers, Inhaberin der Beratungspraxis "Qualifizierte Teilzeitarbeit" in Oldenburg, weiß, was dagegen hilft: "Auf keinen Fall aggressiv werden, immer nett und höflich bleiben und mit Humor antworten". Dummen Sprüchen wie "Kommst du erst oder gehst du schon?" nimmt man die Spitze, indem man ihnen zuvorkommt: "Achtung, die bessere Hälfte meiner Work-Life-Balance hat gerade begonnen."

Die Leistung muss stimmen

"Anders sieht es natürlich bei Mobbing aus", sagt Herbers. In diesem Fall müssen Vorgesetzte und Betriebsrat eingeschaltet, zur Not auch externe Hilfsangebote wahrgenommen werden. Am besten sei es, Mobbing vorzubeugen. So sollten die Kollegen früh in die Teilzeitpläne und die Beweggründe eingeweiht werden. "Pflegen Sie den Teamgeist mit anderen Teilzeitbeschäftigten und auch den Vollzeitbeschäftigten", rät Herbers. "Sprechen Sie Konflikte offen an."

Natürlich muss auch die Leistung stimmen, damit die Kollegen mitziehen – und die Karriere weitergeht. Sonst kann es passieren, dass das Unternehmen den Teilzeitarbeiter bei Beförderungen "übersieht". "Insbesondere in Führungspositionen wird Präsenz am Arbeitsplatz erwartet", beobachtet Carolin Lüdemann von der Stuttgarter CoachAcademy. 

Vatertag statt Golfen

Wer die richtigen Weichen stellt, kommt dennoch vorwärts. Ute Bölke, Karriereberaterin in Wiesbaden, sieht eine gute Strategie darin, "an interessanten Themen zu arbeiten, sich dafür verantwortlich zu zeigen und Erfolge erkennbar zu machen. Nicht nur Peanuts-Aufgaben erledigen, die ungeeignet für die Profilierung und das Standing sind. Lieber wenige Themen und diese exzellent erarbeiten."

Klimaschützer Christoph Sutter hat das nicht mehr nötig. Er will sein "Vatertag-Modell" fortführen. Sogar hinsichtlich der Karriere kann er ihm etwas abgewinnen: "Dieser Vatertag hilft übrigens auch meiner CEO Tätigkeit: Er erdet mich, kristallisiert meine Wert und hilft so meinem strategischen Denken. Er fördert meine Stressresistenz und er hilft mir, Beziehungen zu Vätern in derselben Branche zu pflegen. Andere CEO pflegen ihre Beziehungen auf dem Golfplatz, ich tue dies viel lieber am Vatertag."

(Christoph Stehr, 2010 / Bild: Nyul, Fotolia.com)