Everycook: Besser Kochen für alle mit Raspberry Pi und Schweizer Ingenieurskunst

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Everycook: Besser Kochen für alle mit Raspberry Pi und Schweizer Ingenieurskunst

"Let IT cook for you" ist das Motto von Everycook, der Erfindung des Schweizer Ingenieurs Alexis Wiasmitinow. Der Alleskocher, der von der Idee her ein wenig an Vorwerks Thermomix oder Kenwoods Cooking Chef erinnert, will jedermann zum Meisterkoch werden lassen. Die Zutaten dafür: Online-Rezeptdankenbank auf OpenSource-Basis und Induktionskochplatte, Raspberry Pi-Mikrorechner und Dampfkochtopf vereint in einem edel anmutenden, automatisiert ablaufenden Kochsklaven.

Nicht jeder mag kochen. Dem einen ist es zu viel Aufwand. Dem anderen macht es keinen Spaß. Und wieder ein anderer hat zwei linke Hände, sodass das Essen anbrennt, nicht schmeckt oder vielleicht sogar am Ende ungenießbar ist. Und selbst wenn man kochen kann und mag, in der Hektik der heutigen Zeit ist es nicht immer ein Vergnügen, sich nach einem langen Tag abends noch in die Küche zu stellen. So war es auch beim Schweizer Maschinenbauer Alexis Wiasmitinow, dem Erfinder des smarten Kochsystems.

"Ich bin ungeduldig und manchmal abgelenkt", erzählt er, "da ging schon manches Mal ein Gericht schief." Mit seinem technischen Knowhow schaffte er sich selbst Abhilfe. Alexis studierte Maschinenbau an der ETH Zürich, die Grundkenntnisse in Elektrotechnik und Programmieren brachte er sich selbst bei. Allerdings verlief das Erschaffen der bisher fünf Prototypen nicht immer reibungslos: "300 Volt am Finger kitzeln schon ein wenig", weiß der Erfinder, "und beim Sicherungskasten ist die Tür nicht mehr abgesperrt, sonst müsste ich jedesmal den Vierkant hervorkramen, um die Sicherung wieder reinzudrücken." Auch das Material der Testgeräte musste leiden: "Es gab auch schon Situationen, wo der Computer dachte, die Heizung der Induktionsplatte sei aus, dabei war sie an und die Temperatur stieg stetig. Danach war langes Einweichen und Kratzen angesagt." Auch die Wiegefunktion bereitete dem Entwickler Kopfzerbrechen: "Bei Leichtgewichten war es tricky, auch software-seitig: Es ist schon eine Herausforderung gewesen, ein Echtzeit-Webinterface für die Waage zu entwickeln."

Work in progress

Bis heute wird kontinuierlich am vollautomatisierten Kochgehilfen gefeilt, der angeblich bis zu sechs Personen satt machen kann. Die aktuell fünfte Generation ist mittlerweile so gut wie fertig ist und soll 2016 in den Handel kommen. "In zwei Monaten haben wir einen voll funktionstüchtigen Prototypen, bei dem nur noch die Nutzererfahrung optimiert werden muss", freut sich Alexis. Allerdings ist er sich bewusst, dass trotzdem noch viel Arbeit wartet und "sicher so manches noch verborgen ist und auftauchen wird, wenn wir es am wenigsten erwarten."

Insgesamt vereint der Everycook nach Angaben des Entwicklers bis zu zehn Küchengeräte in sich, nämlich Gemüsehechsler, Küchenwaage, Dampfkocher, Fritteuse, Sous vide, Reiskocher, Eierkocher, Joghurtmacher, Fondue Rechaud und einen Schokoladenschmelzer. Eine Mixfunktion fehlt indes.  Dementsprechend kann der Everycook schneiden, wiegen, frittieren, kochen, dampfgaren, braten und blanchieren. Die Messer verarbeiten das zu verarbeitende Material in verschieden dicke Scheiben und Streifen, Würfel hat die Maschine (noch) nicht drauf. Das Besondere: Das alles geschieht ohne großes Zutun des Besitzers - in der Theorie zumindest.

IT trifft Ingenieurskunst

In der Praxis ist das Gerät eine nahezu meisterhafte Verbindung von IT- und Ingenieurskunst, Mechanik und Sensoren treffen auf elektronische Informationsverarbeitung. Quasi der Prototyp des "Internets der Dinge", wenn auch der erste Prototyp "ziemlich gefährlich ausgesehen hat", so Alexis. Denn anfangs zählte nicht Design, sondern ausschließlich Funktionalität.

Ein Renderbild des Kochgeräts. © Everycook

Gesteuert wird der Everycook über eine mobile App, die sich mittels Wifi mit dem  Gerät verbindet. Physische Knöpfe gibt es nicht, es finden sich nur noch USB-Anschlüsse an der Front. Ein LC-Display gibt Anweisungen während des Kochvorgangs, etwa wieviel Gramm der jeweiligen Zutat noch hinzugegeben werden muss oder wie lange der jeweilige Schritt noch braucht. Fehlt etwas, unterbricht die Maschine automatisch das Prozedere, um Fehler zu vermeiden.

Feine Rezepte für alle

Die Informationen dafür holt sich der Kocher aus dem Internet. Sollte mal keine Verbindung existieren, bleibt die Küche jedoch nicht kalt: "Rezepte werden lokal gespeichert. Wir wollen die ganzen Anweisungen nicht über das Internet schicken", beruhigt Alexis. Im Innern des aus nichtrostendem Stahl, Aluminium und hitzebeständigen Silikon gefertigten Geräts verbaute der Entwickler den Mikrorechner Rapsberry Pi in der B+ Basis-Variante. Der Einplatinenrechner sorgt neben der Steuerung der Hardware für die Verbindung des Everycook zur digitalen Rezeptdatenbank mit den speziellen Rezepten, den sogenannten Digimeals. Diese sind im Gegensatz zu Vorwerks Thermomix-Rezepten auf Open-Source-Basis verfügbar, was bedeutet, dass die Datenbank von fleißigen Hobbyköchen mit neuen Inhalten befüllt werden kann und kostenlos sind.

Das Dilemma mit der Maschinensprache

Allerdings weichen aufgrund der besonderen Funktionalität des Everycook die Rezepte von der typischen Struktur stark ab. Denn dem Gerät müssen akkurate Anweisungen gegeben werden, welche Zutat wann, in welcher Menge, wie lange, bei welcher Temperatur oder Druck und auf welche Art und Weise hinzugefügt und verarbeitet werden muss. Was ohnehin nicht ganz so einfach ist, stellt bei der Eingabe durch die Nutzer bisher eine immense Hürde dar: Denn die Rezepte müssen in Maschinensprache geschrieben werden. Eine oft nicht lösbare Herausforderung für Ottonormalverbraucher, weshalb die Macher noch an einer Lösung tüfteln, wie das Übersetzen der Rezepte in Maschinensprache stark vereinfacht wird. "Ursprünglich war mal angedacht, dass wir zusammen mit einer schweizer Universität einen Algorithmus zum einfachen Rezepteimport entwickeln. Das Projekt liegt aber schon ein Weilchen auf Eis. Ich sollte mich mal darum kümmern, aber die Hardware hat Priorität", erklärt der Erfinder.

Infos für jeden Geschmack

Desweiteren bieten die Digimeals Angaben zu den Nährwerten und berücksichtigt auch Kategorien wie halal, vegan oder vegetarisch. Damit dies auch bei eingereichten Rezepten treffend angegeben wird, werden die Einsendungen im Rahmen einer Qualitätssicherung überprüft und die Informationen gegebenenfalls nachgereicht. Auf Wunsch wird auch gleich eine Einkaufsliste erstellt oder sogar ein Online-Shop kann für die Lieferung der benötigten Zutaten beauftragt werden.

Das Kochen der bisher knapp 50 Rezepte besteht im Endeffekt nur noch aus schälen und zugeben; schneiden, wiegen und zubereiten übernimmt der Everycook. Für den finalen Schliff muss allerdings einmal mehr der Benutzer sorgen, den eigenen Geschmack in puncto Würze und Schärfe kann die Maschine nicht ersetzen. Immerhin ist es möglich, auch mehrstufige Gerichtew mit dem Gerät zu kochen, etwa Bratkartoffeln: "Wir haben viele universelle "Rezeptblöcke", die man beliebig kombinieren kann. Also sehe ich da kein Problem," wiegelt Alexis ab.

Der Everycook als Braumeister

Auch ist es möglich, mittels eines manuellen Modus jede einzelne Funktion des Everycook zu nutzen - und vermutlich sogar Bier mit ihm zu brauen: "Beim Brauen muss der Sud bestimmte Zeiten auf der richtigen Temperatur gehalten werden. Das sollte Everycook locker schaffen", freut sich der Ingenieur. Probiert hat er es indes noch nicht, und ein Steak wurde mit dem Gerät auch noch nicht gebraten. 

Bislang kostet der Zaubertopf rund 2000 Schweizer Franken, etwa 1900 Euro. Ob das der finale Preis ist, kann Alexis noch nicht sagen. 20 Early-Adopters warten bisher auf ihren Zaubertopf, darunter Jean Claude Biver, ehemaliger Geschäftsführer und aktueller Präsident des Schweizer Edeluhrenherstellers Hublot. Er und die 19 Anderen sollen noch in diesem Jahr überprüfen, ob das Kochen mit dem Everycook selbst im stressigen Alltag tatsächlich zu einem schmackhaften Vergnügen wird.

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