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Arbeitszeugnis richtig lesen

Welches Arbeitszeugnis hilft beim Weiterkommen, und welches hemmt die Karriere? Tipps für den ersten Blick auf die Bewertung durch den Arbeitgeber. 
 



Laut einem BGH-Urteil muss jedes Zeugnis mit Wohlwollen im Interesse des Mitarbeiters erstellt werden - der Arbeitnehmer muss weiter vorankommen können. Entsprechend finden sich in keiner der Leistungsbeurteilungen Sätze wie "er war für die Position ungeeignet" oder "sie kam ihren Pflichten nur mangelhaft nach". Doch viele Wege führen nach Rom, und so für den Arbeitnehmer der Weg über angenehme Formulierungen möglicherweise ins Bewertungs-Aus.

Fallstrick in der Formulierung

"Die Zeugnissprache ist eine eigene Sprache, die nur Lob kennt - das kann allerdings sehr vergiftet sein", sagt Jürgen Hesse, Gründer des Büros für Berufsstrategie in Berlin. Diese Sprache will erst einmal entschlüsselt werden. Kein leichtes Unterfangen. Denn der vielgerühmte "gesunde Menschenverstand" reicht oft nicht aus, um in scheinbar neutralen oder positiven Sätzen die Fallstricke für das eigene Vorankommen zu entdecken. Einige grundlegende Tipps helfen beim ersten Blick auf die Bewertung durch den Arbeitgeber.

Das Erscheinungsbild muss stimmen

Für jedes Arbeitszeugnis gelten strenge Formregeln: Es muss grundsätzlich auf Firmenpapier im Format DIN A4 geschrieben sein und nach Datum und Einleitung die Beschreibung der Tätigkeit enthalten. Stimmen alle diese Punkte, gibt dies einen ersten Hinweis auf eine sorgfältige und korrekte Beurteilung. Ebenfalls wichtig: die Unterschrift. "Die Signatur einer in der Hierarchie unwichtigen Person entwertet das Zeugnis", erklärt Hesse.

Wichtige Tätigkeiten gehören an den Anfang 

Gleich nach der Einleitung hebt das Arbeitszeugnis - ähnlich wie eine Stellenausschreibung - wesentliche Aufgabenfelder und Kenntnisse der Tätigkeit hervor. Ein Vergleich mit dem Stellenprofil kann helfen: Sind alle wesentlichen Punkte aufgeführt? Es folgen Angaben zum Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden - in genau dieser Reihenfolge. 

"Wenn bestimmte Angaben im Zeugnis fehlen, ist Vorsicht geboten", sagt Anne Backer, Anwältin in Bad Kissingen. Das gilt beispielsweise, wenn die Genauigkeit bei einem Buchhalter nicht erwähnt wird. Wichtig ist auch die Reihenfolge: "Wenn etwas falsch angeordnet ist, spricht das eine klare Sprache über den Arbeitnehmer", erläutert Backer. Dabei erfolgt eine Abwertung dadurch, dass weniger wichtige Aussagen vor wichtige gesetzt werden.

Der Weg ist nicht das Ziel

Ausdrücke zur Leistung sind dann gut oder sehr gut, wenn sie andauernde Leistung auf hohem Niveau attestieren. "Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" ist eine rundum gute Note. Auslassungen in der Bewertung wirken hingegen negativ: So weist ein Mitarbeiter mit "Fachwissen" wahrscheinlich Defizite auf. Erst ein "gutes" oder "fundiertes" Fachwissen deutet auf entsprechende Kenntnisse hin.

Sämtliche Formulierungen, die ausdrücken, dass der Arbeitnehmer sich "bemüht hat" oder "bestrebt war", deuten nicht gerade auf hohen Eifer hin. Vielmehr zeigen diese Sätze, dass Ziele nicht erreicht wurden. Messbare Leistungen hingegen empfehlen einen auschcheidenen Mitarbeiter dem nächsten Arbeitgeber. Bei einem Vertriebsleiter könnte dies etwa eine Umsatzsteigerung um 50 Prozent sein, für einen IT-Spezialisten die erfolgreiche Leitung eines Projektteams mit 30 Mitarbeitern. 

Eine Frage der Perspektive 

Auch die Betonung von Selbstverständlichkeiten hinterlässt Zeugnis einen negativen Eindruck: Ein guter Umgang mit Kollegen etwa sollte nur in der allgemeinen Führungsklausel zum Ausdruck kommen. Auch Aussagen zu Pünktlichkeit oder angemessener Kleidung im Kundenumgang haben im Arbeitszeugnis nichts zu suchen.

Wichtiger als einzelne "Schönheitsfehler" ist aber das Gesamtbild. Sehr gute Bewertungen im Rahmen eines sonst unbefriedigenden Zeugnisses wirken auf den zukünftigen Arbeitgeber wenig glaubhaft. Auch ein Zeugnis, das einem Teamleiter neben besten Qualifikationen und hohen Ehrgeiz soziale Defizite bescheinigt, wirkt in Zeiten kooperativen Führunsstils eher abschreckend.

Ende gut, alles gut 

Zu guter Letzt sollte der Arbeitgeber noch sein Bedauern über das Ausscheiden des Mitarbeiters zusammen mit dem Dank für die geleistete Arbeit ausdrücken. Diese Formulierung, so unscheinbar sie auch wirkt, ist ein zentraler Bestandteil des Zeugnisses. Fehlt sie, kann ein zukünftiger Chef erkennen: Hier wird der Arbeitnehmer nicht vermisst.

Das gibt ihm den ersten Anhaltspunkt, die Formulierungen in Ihrem Arbeitszeugnis nochmals genau darauf durchzusehen, ob und wo sich Schwachstellen finden. Eine weitere Schlussformel ist ebenfalls sehr wichtig: "auch weiterhin viel Erfolg". Denn: Wünscht der ehemalige Arbeitgeber nur "viel Erfolg", so deutet das darauf hin, dass sich der bislang noch nicht eingestellt hat.

(Text: Verena Wolff)


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