Die "bezahlte" Abschlussarbeit


Die bezahlte Abschlussarbeit

Zwei Wege führen zum Studienabschluss: die Abschlussarbeit an der Hochschule oder in einem Unternehmen. Beide haben Vorteile und Nachteile, daher sollte die Entscheidung gut überlegt sein.


 

Von Peter Ilg

Florian Bär und Fabian Rühle sind gleich alt – 22 Jahre – beide haben im Wintersemester 2006/07 an der Hochschule in Aalen ein Informatik-Studium mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik begonnen und Ende März 2011 haben sie ihre Bachelor-Thesis abgegeben. Der eine schrieb sie in einer Firma, der andere an der Hochschule. Sinn ergebe beides, sagt ihr betreuender Professor Dr. Rainer Schmidt.

Master-Thesis in der Praxis

Florian Bär kam in einer Vorlesung auf das Thema seiner Master-Thesis. "Microsoft brachte im vergangenen Jahr das Programm 'System Center Service Manager' heraus und ich dachte mir, es könnte ein spannendes Thema sein, den Umfang und Nutzen der Anwendung zu untersuchen."

Das Programm bietet eine Plattform für die Automatisierung von Best-Practice-Methoden zur Verwaltung von IT-Diensten in Unternehmen. Schmidt nahm den Vorschlag an und Bär untersuchte das Programm gemeinsam mit einem Kommilitonen. So wurde die Master-Thesis eine Co-Produktion.

Abschlussarbeit in einem Unternehmen schreiben

"Ich wollte eine allgemeingültige Arbeit schreiben und keine, die allein den Interessen einer Firma dient." Ein zu spezielles Thema würde ihn bei der Suche nach einem Arbeitsplatz zu sehr einschränken. Doch das wird weitere vier Semester dauern, denn Bär beginnt im Oktober 2011 ein Master-Studium in IT-Management.

Auch mit seinen Plänen hatte sein eher theoretisches Thema zu tun. Doch er gehört zur Ausnahme: von acht Kommilitonen, die mit Bär ihre Bachelor-Thesis angefangen haben, schrieben sie zwei an der Hochschule und sechs bei einem Unternehmen.

Vorteile für den Berufseinstieg

Einer davon war Fabian Rühle und das aus zweierlei Gründen: "Der Zugang zu Ressourcen ist einfacher und man findet leichter den Berufseinstieg." Er beschäftigte sich in seiner Bachelor-Thesis ebenfalls mit Microsoft-Technologien, genauer gesagt, mit der IT-Prozessautomatisierung mit Hilfe von Anwendungen dieses Herstellers. Rühle erarbeitete ein Beurteilungssystem, anhand dessen IT-Betriebsabläufe analysiert werden können, um beispielsweise den Automatisierungsgrad zu erhöhen.

Das Thema gab ihm die Cellent AG vor, das IT-Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen, in dem er seine Arbeit schrieb. "Weil Cellent beste Kontakt zu Microsoft unterhält, kam ich an Informationen und Spezialisten von Microsoft, wie ich das von der Hochschule aus nicht geschafft hätte. Außerdem hat mich Cellent nach Abschluss meiner Thesis als IT-Junior-Consultant fest angestellt – genau für den Bereich, in dem ich meine Arbeit geschrieben habe." Damit ging auch die Rechnung von Rühle auf.

Nicht immer sinnvoll für Studierende

Professor Schmidts Rat. "Die Arbeit bei einer Firma sollte nur gewählt werden, wenn entweder eine klare Chance auf eine Anstellung vorhanden oder das Thema auch für andere Firmen interessant ist." Immer wieder bekommt er mit, dass Studenten mit der Aussicht auf eine Stelle geworben werden. Ist die Arbeit dann mit viel Elan fertiggestellt, heißt es oft plötzlich: Oh, doch keine Stelle frei. Das sei vor allem dann fatal, wenn eine firmenspezifische Fragestellung bearbeitet wurde.

Die Vorteile für ein Unternehmen sind vielfältig. Die Firma lernt einen Studenten intensiv kennen und kann so mit einem deutlich kleineren Risiko als durch die Probezeit feststellen, ob er in die Firma passt. Außerdem kann eine Bachelorarbeit neue Impulse bringen: "In der Thesis können sich die Studenten intensiv mit einem Thema beschäftigen, für das andere Mitarbeiter kaum die Zeit haben."

Auch die klassische Abschlussarbeit hat Vorteile

Professor Schmidt weist aber auch auf die Vorteile einer Arbeit an der Hochschule hin: sie sei prinzipiell frei von Verwertungszwängen und könne sich daher gänzlich neuen Fragestellungen widmen, deren wirtschaftlicher Nutzen weit in der Zukunft liegt. "Das macht unabhängig bei der Jobsuche." Praktiker neigen nach den Erfahrungen von Schmidt eher zur Firmen-Variante. Insbesondere Studenten mit nicht ganz so toller Papierform könnten durch eine überzeugende Praxisleistung punkten.

Rund 200 Studenten schreiben jährlich bei Continental ihre Diplomarbeit, Bachelor- oder Master-Thesis – in Technik oder Wirtschaft. Auf der Karrierewebsite www.careers-continental.com veröffentlicht das Unternehmen einige Themen, eigene Vorschläge sind gern gesehen. "Bei mir in der Abteilung kommt so etwas häufig vor. Ich befürworte es sehr, wenn Studenten Engagement zeigen und von sich aus Themen vorschlagen. Nur muss es dann für beide Seiten von Nutzen sein", sagt Sehnaz Özden, Leiterin des konzernweiten Personalmarketings und Recruitings bei Continental in Hannover.

Die "bezahlte" Abschlussarbeit

Das Unternehmen ist Mitglied der freiwilligen Initiative ‚Fair Company’, die sich für eine gerechte Behandlung von Praktikanten sowie deren Bezahlung einsetzt. Bei Continental gilt das auch für Studenten, die ihre Abschlussarbeit im Unternehmen schreiben: alle erhalten eine monatliche Vergütung von mindestens 670 Euro.

"Wir legen großen Wert darauf, dass Studierende bereits während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln – und zwar unabhängig davon, ob sie ihre Karriere im Anschluss bei uns starten." Daher sei die Abschlussarbeit keineswegs eine vorgelagerte Probezeit – aber eine gute Chance. "Wir achten selbstverständlich darauf, dass wir gute Leute behalten können." Gefällts auch den Studenten, bleiben sie.

So war es bei Fabian Rühle: er hat sich zwar in erster Linie um seine Thesis gekümmert. Arbeitsklima und Unternehmenskultur bekam er aber genau so mit, als wäre er ein Mitarbeiter in der Probezeit. Die ist für beide Seiten nun so gut wie erledigt, bevor sie überhaupt begonnen hat.

(Bild: Gina Sanders)