Biotechnologe

Biotechnologen beackern ein weites Feld: neben DNA-Mikrochips oder Biopharmazeutika konstruieren sie auch technisch nach dem Vorbild der Natur.

Biotechnologie ist in allen Bereichen des menschlichen Lebens vertreten. „Die Herstellung von Bier, Joghurt und Käse ist seit Jahrtausenden klassische Biotechnologie“, so Carsten Roller, Ressortleiter Ausbildung beim Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO). Das Forschungs- und Arbeitsgebiet von Biotechnologen ist breit: DNA-Mikrochips, Biopharmazeutika, alternative Treibstoffe oder etwa Bionik.

Medikamente entwickeln, Produktion industrialisieren

Ihre Tätigkeitsbereiche teilen Biotechnologen gerne in Farben ein, um sie zu unterscheiden. Die meisten Wissenschaftler befasst sich mit der so genannten „Roten Biotechnologie“, also der Herstellung von Medikamenten. „Im Gesundheitswesen ist das meiste Geld zu verdienen, und hier sind auch die meisten Innovationen zu erwarten“, glaubt Roller. Entsprechend gut sind Jobchancen und Gehälter. Biotechnologen untersuchen Gene und Proteine, die Krankheiten verursachen, zum Beispiel Krebszellen, die jeder Körper in sich trägt. Sie testen, welche Stoffe zum Ausbruch der Krankheit führen und wie die Zellen auf Medikamente reagieren. In der Veterinärmedizin entwickeln Biotechnologen Impfstoffe und Blutprodukte, entwerfen neue Analysemethoden, gestalten die Vorgaben zur Qualitätssicherung und melden die Stoffe anschließend zur staatlichen Prüfung an.

Biotechnologe Rene Rust untersucht als Products Research Manager bei einem Kosmetikkonzern die Verträglichkeit von Hautcremes. Hierfür führt er Studien durch und definiert Produkteigenschaften, die sich an den Kundenbedürfnissen orientieren. Entsprechend gibt er den Entwicklern vor, was sie zu tun haben. Ganz anders Beate Berkelmann-Löhnertz. Sie untersucht in einem Labor Zuckerrüben auf Wurzelbrand und dessen Ursachen – dazu gräbt sie auch in der Erde nach Keimlingen. Zudem erforscht sie Rebläuse, Pilze, Bakterien und Mehltau, damit die Weinbauern und Gärtner ihre Pflanzen besser schützen können.

Bakterien auf Korallen untersuchen

Bei der „Weißen Biotechnologie“ geht es darum, das Produktionsvolumen vom Reagenzglas zur tonnenschweren Massenproduktion für industrielle Anwendungen zu vergrößern, wie es bei Biodiesel oder Industriestärke notwendig ist. Dabei ergänzen oder ersetzen sie herkömmliche chemische Produktionsprozesse durch Mikroorganismen und Enzyme, wie zum Beispiel Kunststoffe auf Erdölbasis durch umweltfreundliche Biopolymere. Auch hier bestehen sehr gute Ein- und Aufstiegschancen für qualifizierte Biotechnologen, die hier eng mit Biotechnikern – also den Ingenieuren dieser Zunft – zusammenarbeiten.

Die „Blaue“ Meeresbiotechnologie setzt sich zunehmend als eigene Richtung durch. Die Experten befassen sich mit Algen, Plankton und Einzellern, in denen ein riesiger Fundus an Stoffen lagert, die für Menschen nützlich sein können. Ein Beispiel: Bakterien, die auf toten Korallen wuchern, enthalten Antibiotika und entzündungshemmende Stoffe. „Das Bakterium ist eine Chemiefabrik für sich“, sagt Wolfgang Hess, Bioinformatiker und Professor am Biologischen Institut der Universität Freiburg. Nicht nur eine spannende neue Welt, sondern auch eine mit sehr guten Jobchancen.

Gentechniker gehen meist ins Ausland

Die „Grüne Biotechnologie“ befasst sich mit dem Einsatz der Gentechnik bei Pflanzen und Lebensmitteln. Prüfen, welche Gene an- und abgeschaltet sein müssen, um aus einer befruchteten Eizelle mit identischen Genen unterschiedliche Organe und Gliedmaßen zu bilden. Ihr Job ist es vor allem, Erbgut (DNA) von Tieren zu entnehmen. Das aufwändige Sequenzieren des Genoms bleibt einem Großrechner überlassen. So hat erst kürzlich der Biologe Professor Dr. Joachim Schachtner von der Philipps-Universität Marburg das Genom eines Getreideschädlings, des Rotbraunen Reismehlkäfers, sequenziert.

Die Forschung an diesem Käfer ist nicht nur für die Landwirtschaft interessant, sondern weil ein Teil der für die Gehirnentwicklung verantwortlichen Gene des Menschen denen des Käfers gleicht. Die Fruchtfliege wird seit Jahrzehnten molekulargenetisch erforscht und liefert den Forschern Erkenntnisse über die Entwicklung menschlicher Gene. „In diesem Bereich wird in Deutschland zwar Spitzenforschung geleistet, aber die öffentliche Akzeptanz fehlt“, weiß Roller. Auch ist in Deutschland nicht alles erlaubt. So dürfen Biotechnologen zwar am genetischen Code forschen, aber keine Lebewesen klonen. Wer sich für diese Richtung interessiert, muss daher bereit sein, ins Ausland zu gehen. Dort sind die Karrierechancen gut.

Studium

Der Beruf des Biotechnologen darf nicht mit dem des Biotechnikers verwechselt werden. Biotechnologen arbeiten mit dem Reagenzglas, während Biotechniker Stoffe im industriellen Umfeld produzieren – also im Tonnenmaßstab. So vielseitig wie die Anwendungsbereiche der Biotechnologie ist auch das Angebot der Hochschulen. Diese Studiengänge bieten die Hochschulen neben dem allgemeinen Studiengang Biotechnologie noch an:

  • Biotechnologie und Bioinformatik (Hochschule Mittweida, FH Oldenburg)
  • Life Sciences (Hochschule Esslingen)
  • Molekulare Biotechnologie (Uni Bielefeld, Uni Heidelberg, TU Dresden, TU München)
  • Pflanzenbiotechnologie (Uni Hannover, Hochschule Anhalt)
  • Lebensmittelwissenschaft (Uni Hohenheim)
  • Medizinische Biotechnologie (Uni Rostock)
  • Pharmazeutische Biotechnologie (Hochschule Biberach)


Außerdem gibt es an vielen Hochschulen Biotechnologie als Hauptfach innerhalb des Biologiestudiums. Als grundständiges Fach ist die Biotechnologie vor allem an Fachhochschulen verbreitet.

Die meisten Hochschulen haben ihre Curricula bereits auf Bachelor und Master umgestellt. „Die Durchlässigkeit ist höher“, so Roller, „ein FH-Bachelor kann an der Uni seinen Master ablegen und umgekehrt.“ So werden an der Hochschule Darmstadt im Grundstudium mehr technische Grundlagen vermittelt, damit die Bachelor nahtlos vom Hochschul- ins Industrielabor wechseln können. Neben biologischen und chemischen Grundlagenfächern lernen die Studenten hier auch Informatik, Mathematik, Verfahrenstechnik, Enzymtechnologie und Instrumentelle Analytik.

Auch für das anschließende Masterstudium haben Studenten Auswahl. An der Uni Heidelberg liegen die inhaltlichen Schwerpunkte des Masterprogramms auf der Wirkstoffforschung und -entwicklung, Bioinformatik und der biophysikalischen Chemie sowie auf der Genomforschung, Diagnostik und Biomedizin. An der Hochschule Zittau/Görlitz können sich Biotechnologen gezielt in angewandter Ökologie ausbilden lassen. Zu den Schwerpunkten gehören unter anderem der Schutz und die Nutzung der Biodiversität, also der Vielfalt in der Natur. Auch Diplom-Ingenieure werden darin ausgebildet – sie lernen Mikrobiologie Enzymologie, Grundlagen der Umweltsystemwissenschaften sowie Modellierung und Simulation.

Weiterbildung

Um sich in einem so schnelllebigen Thema auf dem Laufenden zu halten, kommen auch Biowissenschaftler mit Diplom, Master oder Promotion nicht um eine kontinuierliche Weiterbildung herum. Für sie gibt es zum Beispiel Seminare zu Proteinmodellierung, Biokorrosion, Gentechnikrecht und Patentwesen. Angeboten werden sie von Verbänden, zum Beispiel von der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (Dechema), aber auch von Trainings- und Beratungsunternehmen wie etwa Biocone (Biotechnology Competence Network).

Ein Selbstzweck ist die Weiterbildung aber nicht. „Zertifikate sind zwar ganz nett“, stellt Roller fest, „doch die Arbeitgeber schauen eher auf Studieninhalte und -dauer.“ Zusatzqualifikationen hält er nur für sinnvoll, wenn sie genau ins Stellenprofil passen. „Absolventen, die direkt von der Hochschule kommen, sollten erst einmal in den Job gehen“, so sein Fazit.

Arbeitsmarkt und Gehälter

Laut Roller gibt es zurzeit 2500 arbeitslose Biologen, und jährlich kommen 3300 Absolventen neu auf den Markt. Allerdings finden 70 Prozent der Arbeitslosen innerhalb eines halben Jahres eine Stelle. „Die jährlich 900 Biotechnologen – hauptsächlich FH-Absolventen – und 600 Biochemiker werden alle vom Arbeitsmarkt absorbiert“, so Roller. Trotzdem herrschten noch keine Bedingungen wie bei den Ingenieuren, die aus dem Studium heraus abgeworben werden.

Bachelor sind auf dem Arbeitsmarkt noch selten und werden ähnlich eingestuft wie die bisherigen FH-Absolventen. Sie steigen mit einem Gehalt ein, das dem von technischen Assistenten entspricht. Laut einer Studie des VBIO sind das zwischen 16.000 und 30.000 Euro im Öffentlichen Dienst und zwischen 23.000 und 40.000 Euro in der Industrie. Doch während technische Assistenten wenig Karrieremöglichkeiten haben, „können sich Bachelor sehr schnell hocharbeiten“, so Roller. Grundsätzlich können Biotechnologen hierarchisch über alle Ebenen hinweg aufsteigen: vom Laborassistent über den Laborleiter bis hin zum Instituts- und Forschungsleiter, in Unternehmen sogar bis in die Vorstandsebene.

Diplom-Biologen und Master der Biotechnologie starten im ersten Berufsjahr mit rund 30.000 (Öffentlicher Dienst) beziehungsweise 50.000 Euro (Industrie), die Promotion bringt je rund 10.000 Euro mehr. „Mit dem Doktortitel kommt man schnell in außertarifliche Positionen, und bei Spitzenleuten ist das wie im Profifußball – alles Verhandlungssache“, sagt Roller. Professoren erhalten zwischen 55.000 und 80.000 Euro. Wer die Managerlaufbahn wählt, kann im Pharmabereich (Öffentlichen Dienst) bei 48.000 bis über 80.000 Euro einsteigen, in der Industrie sogar bei 60.000 bis jenseits der 100.000 Euro.

(Kirsten Seegmüller, 24.06.2008 / Bild: Gernot Krautberger, Fotolia.com)


Weitere Informationen

Überblick über Initiativen:
http://www.chemlin.de/chemie/biotechnologie.htm

Portal Biotech und Life Sciences in Baden-Württemberg:
http://www.bio-pro.de/de/

BMBF-Portal Biotechnologie:
http://www.biotechnologie.de/

BMBF-Rahmenprogramm Biotechnologie:
http://www.bmbf.de/de/1024.php

Verbände und Gesellschaften:
Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO):
http://www.vbio.de/

Dechema (Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V.):
http://www.dechema.de/

European Federation of Biotechnology (EFB):
http://www.efb-central.org/

Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA):
http://www.vfa.de/vfa-bio_de/about/uebervfabio.html

Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie:
http://www.dib.org/

Infos zu Studiengängen:
Überblick bei studienwahl.de:
http://www.studienwahl.de/index.aspx?bykapid=372

BMBF-Überblick:
http://www.biotechnologie.de/bio/generator/Navigation/Deutsch/studium.html

Liste von Hochschulen mit Bio-Studiengängen in Baden-Württemberg:
http://www.bio-pro.de/de/life/thema/02500/index.html

Biotechnologische Studenteninitiative:
http://bts-ev.de/897.0.html

Weiterbildung:
Dechema-Weiterbildungskurse:
http://kwi.dechema.de/Aus_+und+Weiterbildung+am+Karl_Winnacker_Institut/
Weiterbildungskurse+Biotechnologie.html


Fortbildungsangebote beim Verband deutscher Biologen und
biowissenschaftlicher Fachgesellschaften (vdbiol):
http://www.vdbiol.de/content/e4/e2920/index_ger.html

TÜV-Seminare:
http://www.tuev-nord.de/6964.asp