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Cheffing - So führen Sie Ihren Boss

Den Chef zu steuern bedeutet nicht, ihn an der Nase herumzuführen. Cheffing ist Führung von unten mit der redlichen Absicht, das Richtige zu erreichen.




Die Karriereliteratur ist voller Hinweise, wie sich Mitarbeiter im Berufsalltag tapfer schlagen und Vorgesetzte ihrer Führungsaufgabe verantwortungsbewusst nachgehen können. Ein spannender Aspekt kommt ein wenig zu kurz: Man kann seinen Chef auch "führen". Nur sollte niemand auf Idee kommen, sich dabei aufzuplustern.

Schwächen akzeptieren und nutzen

Sekretärinnen kennen das: Der Chef kämpft mit seinen Launen, ist stets schlecht organisiert und macht für jeden Fehler andere verantwortlich. Um damit zurecht zu kommen, kann sich die Assistentin nicht wie ein wehr- und willenloses Wesen verhalten, das auf Kommando spurt und auf der Schleimspur kriecht. 

Im Gegenteil: Sie ist gut beraten, die menschlichen Schwächen ihres Vorgesetzten zu akzeptieren und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Eine gehörige Portion Menschenkenntnis vorausgesetzt, wird sie strategisch vorgehen und in jeder Situation signalisieren: Alles kein Problem.

Dem Vorgesetzen zeigen, wo es langgeht

Mobbing, Bossing, Cheffing – in der Diskussion um das betriebliche Miteinander, das nicht selten eher ein Gegeneinander ist, tauchen immer wieder neue Begriffe auf. Während unter Mobbing und Bossing vor allem das "Dissen" von Beschäftigten verstanden wird, um einen weiteren modischen Begriff zu verwenden, zeigt Cheffing in die entgegengesetzte Richtung und ist überaus menschenfreundlicher Natur: Mitarbeiter zeigen ihrem Vorgesetzten, wo es lang geht.

Doch bloß keinen Übermut. Chef ist nicht gleich Chef: Mit einem ist gut Kirschen essen, beim anderen beißt man auf Granit. Kooperative und offene Führungskräfte, meint der Managementtrainer Heinz-Jürgen Herzlieb aus Niedernberg bei Aschaffenburg, sind nicht das Problem. 

Abwürger und Risikovermeider

Schwieriger zu steuern seien Vorgesetzte mit sehr ausgeprägtem eigenen Willen, nennen wir sie einfach Typ A. Sie würgen jegliche Vorschläge ihrer Mitarbeiter ab und tragen so zu einem demotivierenden Klima bei. Auch diese "Species" macht Mitarbeitern schwer zu schaffen: Typ B ist ein Risikovermeider, er drückt sich um Entscheidungen. "Freundlich nimmt er Vorschläge an, ohne sie jedoch umzusetzen", sagt Herzlieb.

Das kann Folgen nach sich ziehen. Schwaben klagen über "Luschtverluscht", wenn ihr Wille anzupacken und gescheite Vorschläge zu unterbreiten ins Leere läuft. Von Stuttgart bis Hamburg ist das Phänomen schleichender Demotivation in der Wirtschaft zu beobachten. Freilich kann man etwas dagegen ausrichten, ist Herzlieb überzeugt. "Mitarbeiter sollten sich aber nicht von Chefs, die ihre Führungsaufgabe vernachlässigen, in eine passive Haltung drängen lassen", sagt der Autor des Buchs "Cheffing. Führen von unten."

Beim autoritären Chef hilft Durchhaltevermögen

"Wartet Ihr nur noch bis Freitag?", fragt Herzlieb seine Leser voller Provokation. "Ihr wollt doch gewiss mehr aus Eurem Berufsleben machen?" Also ran an die Buletten. Den autoritären Chef , also Typ A, bekommt man durch Zähigkeit auf seine Seite. "Den muss ich im wahrsten Sinne des Wortes nerven", sagt Herzlieb. 

"Weist er mal wieder einen Vorschlag ab, untermauere ich ihn gleich mit weiteren Argumenten." Will er seinen Controller zum Beispiel abblitzen lassen, der völlig überlastet um zusätzliches Personal bittet, wird er sich wundern, wenn er nun schwarz auf weiß nachlesen kann, dass eine verspätete Finanzplanung die Aufschiebung wichtiger Projekte bedeutet.

Steuerungsinstrument Aktennotiz

Beharrungsvermögen ist auch bei Typ B angebracht. Wenn er mal wieder lächelnd vorgibt sich zu kümmern, aber doch nichts tut, heißt es "Dranbleiben". Nachdem ihm der Vorschlag mündlich vorgetragen wurde, bittet man ihn schriftlich um Stellungnahme. Ist nach einer gewissen Zeit immer noch nichts geschehen, verfasst der Mitarbeiter eine Aktennotiz, die es in sich hat, und mogelt sie in den Posteingang. 

"Chef, wir müssen das Projekt strecken, sonst brennt es lichterloh." Nun sitzt der Boss in der Klemme: Entweder trifft er eine klare Entscheidung oder er reagiert nicht. Herzlieb: "Damit gibt er aber aufgrund der Faktenlage seine Zustimmung."

Aktiv werden lohnt sich

Den besten Zugriff auf den Chef ermöglicht das Mitarbeitergespräch. Leider ist es vielfach Zielscheibe beißender Kritik. "Das bringt doch eh nix", sagen viele Beschäftigte nach Herzliebs Beobachtung. "Da sage ich lieber nichts, es kommt sowieso nichts dabei heraus." Die um sich greifende Resignation hat durchaus Gründe: Der Arbeitsaufwand hat zugenommen, Experten sprechen vom Phänomen der Arbeitsverdichtung. Vorgesetzte haben sich aber nicht verändert. Auch ihnen wachsen gestiegene Anforderungen über den Kopf.

Doch es hilft einem nicht, deshalb wieder klein beizugeben. "Der Mitarbeiter hat es in der Hand", sagt Herzlieb. "Er muss eine aktive Rolle einnehmen und Wichtiges einfordern." Was immer mir passiert, diesen Vorsatz sollte sich jeder vor Augen führen, ich habe einen Anteil daran. Seinen Chef in die Pflicht zu nehmen, ihn auf die wirklich wichtigen Dinge zu stoßen ist kein Buch mit sieben Siegeln. Geschickt ist, ihm zu helfen, sich gut zu positionieren und erfolgreich zu sein. Er wird es einem danken.

Nicht zuviel Demokratie wagen

Ungeschickt ist, ihn auflaufen zu lassen, unklug, überflüssige Diskussionen anzuzetteln. "Unternehmen sind nicht basisdemokratisch organisiert", mahnt Herzlieb. Der Chef habe immer das letzte Wort. "Und das muss man akzeptieren."

(Winfried Gertz / Bild: macroman, Fotolia.com)


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