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Einfaches Arbeitszeugnis

Besser schlicht als nichtssagend

Arbeitszeugnisse werden oft nicht mehr ernst genommen, weil sie sehr wohlwollend formuliert sind. Das einfache Arbeitszeugnis ist eine Alternative für beide Seiten.

“Kaum ein Personaler liest noch Arbeitszeugnisse, weil jeder weiß, sie müssen per Gesetz wohlwollend formuliert sein”, sagt Frank Adensam, geschäftsführender Gesellschafter der Adensam Die Personalberater GmbH in Ludwigshafen am Rhein. Deshalb dürfe ein unehrlicher als solcher Mitarbeiter nicht beschrieben werden. Gängige Praxis sei es zudem, dass Mitarbeiter ihre Zeugnisvorlage selbst erstellen und diese von Fach- und Personalabteilung abgenickt und unterschrieben würden.

Lobeshymnen werden nicht gelesen

Häufig aus gutem Grund: kaum ein Unternehmen hat Interesse daran, sich mit einem ohnehin ausscheidenden Mitarbeiter über dessen Beurteilung zu streiten. “Das ist mit der Auslöser dafür, warum diese Lobeshymnen von Personalverantwortlichen nicht mehr gelesen werden.” Adensam ist überzeugt, dass sich Personaler und Vorgesetzte vor allem für Tätigkeitsbeschreibungen interessieren – zum Kompetenzabgleich mit der vakanten Position und für konkrete Fragen im Vorstellungsgespräch.

Jährlich werden vor deutschen Arbeitsgerichten rund 30.000 Prozesse wegen Arbeitszeugnissen geführt. Das beschäftigt Heerscharen von Personalern, Vorgesetzten, Fachanwälten für Arbeitsrecht, Richter und Personalberater. “Eine solche Ressourcenverschwendung erlaubt sich nur Deutschland”, sagt Adensam.

Das einfache Arbeitszeugnis: neutrale Tätigkeitsbeschreibung

Vom Arbeitszeugnis lebe ein ganzer Dienstleistungszweig, Verlage mit eingeschlossen, die Ratgeber herausbringen, mit denen sich das Personaler-Latein in den Dokumenten entschlüsseln lässt. In anderen schlauen Büchern steht, welche Möglichkeiten der Arbeitnehmer hat, gegen sein Arbeitszeugnis vor Gericht zu ziehen.

In ihrer jetzigen Form sind nach Ansicht von Adensam Arbeitszeugnisse inhaltlich und zeitlich aufwändig zu erstellen, die Aussagekraft gering. “Ideal wäre es, wenn der Mitarbeiter neutrale Tätigkeitsbeschreibungen, wie sie in Computersystemen des Personalwesens ohnehin erfasst werden, auszudrucken könnte.” Das gehe rasch, persönliche Einfärbungen würden vermieden und die Beschreibungen ließen sich außerdem leicht in andere Sprachen übersetzten, ohne interpretieren und damit noch weiter unklar sein zu müssen. “Ich halte eine neutrale Tätigkeitsbeschreibung nach internationalem Standard für gut und meine, das sogenannte qualifizierte Arbeitszeugnisses, wie es in der Fachsprache heißt, gehört abgeschafft.”

Das qualifizierte Arbeitszeugnis hat aber nicht ausgedient

Wolfgang Milde, Partner der Outplacement-Gesellschaft Dr. Offner, Milde & Partner in Gerlingen bei Stuttgart hält dagegen: “In Deutschland gibt es nur gute, sehr gute und hervorragende Arbeitszeugnisse. Und obwohl jeder weiß, dass nicht alle Mitarbeiter dieses Niveau haben, bin ich der Meinung, dass Arbeitszeugnisse in der gängigen Praxis Sinn machen. Das allein schon deshalb, weil rechtlich anderes nicht möglich ist.”

Ein ernsthaft formuliertes Arbeitszeugnis liefere dem potentiell neuen Arbeitgeber wichtige Aussagen darüber, was der Mitarbeiter im Unternehmen bewegt und was er ihm gebracht hat. “Genau aus diesem Grunde müssen Arbeitszeugnisse sein.”

Was der Gesetzgeber vorschreibt

Dr. Sandra Flämig, Fachanwältin für Arbeitsrecht mit eigener Kanzlei in Stuttgart, ordnet die Positionen von Adensam und Milde so ein: “Arbeitszeugnisse müssen nicht sein, wie sie häufig sind. Sie dürfen verständlich und sogar unangenehm für den Arbeitnehmer ausfallen, sofern sachliche Tatsachen zugrunde gelegt werden und der Arbeitgeber beweisen kann, was er zu Papier gebracht hat.”

Fünf Punkte schreibt das Gesetz nach Angaben von Flämig für ein Arbeitszeugnis vor: Wahrheit, Klarheit, wesentliche Tatsachen müssen geschildert sein, Branchenüblichkeiten sind zu beachten und es soll schlüssig sein: “Man kann nicht im ersten Absatz eine Eins verteilen und im letzten Abschnitt des Zeugnisses schreiben, dass man mit den Leistungen des Arbeitgebers zufrieden war, was einer Vier entspricht.”

Das einfache Arbeitszeugnis als Alternative

Mit verklausulierten Arbeitszeugnissen und den Streitigkeiten vor Gericht ist es wie beim Henne-Ei-Prinzip, auf die es auch keine eindeutige Antwort gibt: schreiben die Arbeitgeber die Zeugnisse so, dass sie kaum eine qualifizierte Aussage enthalten, um einem drohenden Gerichtsverfahren zu entgehen. Oder kommt die Verfahrensflut von den unklaren Aussagen?

Um dem aus dem Weg zu gehen, hält Flämig ein einfaches Zeugnis für das Richtige, in dem steht, was der Mitarbeiter gemacht und welche Lehrgänge er besucht hat. “Wenn der Mitarbeiter nicht auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis besteht, darf der Arbeitgeber ein einfaches ausstellen.” Daneben könnten aussagekräftige Referenzen für den Mitarbeiter sprechen. “Jeder sollte darüber nachdenken, ob er damit nicht besser fährt”, so der Rat der Fachanwältin.

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