Fehler in der Schule: „Es muss klar sein: Fehler sind erlaubt.“

Fehler in der Schule: „Es muss klar sein: Fehler sind erlaubt.“

Jessica Kreutz (41), Lehrerin am Gymnasium (Quelle: privat)

Jessica Kreutz (41) ist seit über zehn Jahren Lehrerin am Gymnasium Thomaeum im niederrheinischen Kempen. Sie unterrichtet die Fächern Geschichte und evangelische Religion. Wir haben mit der Lehrerin darüber gesprochen, warum ein Fehler in der Schule immer auch zum Lernerfolg beiträgt und welche Tipps sie für den alltäglichen Umgang mit Fehlern hat.

 

Aus der Sicht einer Lehrerin - was ist überhaupt ein Fehler?

 

Jessica Kreutz: Eine gute Frage! Ein Fehler kann die unkorrekte Beantwortung einer Frage sein. Oder eine von der Erwartung oder der Norm abweichende Erklärung. Meiner Meinung nach kann ein Fehler auch nur gemacht werden, wenn vorab eine eindeutige, unzweifelhafte Definition festgelegt wurde. Einfach um eine abweichende Beantwortung auszuschließen. Werte und Meinungen sind deshalb frei von Fehlern, auch wenn sie mit meiner persönlichen nicht übereinstimmen und gut begründet sind.

 

Wenn man als Lehrerin von Berufs wegen andere korrigiert – wird man dann irgendwann blind für die eigenen Fehler?

 

Jessica Kreutz: Tatsächlich besteht diese Gefahr. Bereits Im Referendariat neigt man dazu sich als unfehlbar einzuschätzen, da man ja vor der Klasse bestehen muss. Aus meiner Erfahrung ist es deshalb sehr wichtig seine Rolle als Lehrer richtig zu verstehen und sich als Wissensvermittler zu sehen. Auch wir müssen uns ständig weiterbilden, um in der Lage zu sein, unseren Schülern und Schülerinnen einerseits Wissen zu vermitteln, aber auch jederzeit Fragen zulassen und diese auch beantworten zu können. Niemand ist frei von Fehlern, das sollte man gerade als Lehrer nicht vergessen. Wer für die eigenen Fehler blind wird, kann kein guter Lehrer mehr sein und wird unglaubwürdig.

 

Fehler in der Schule sind ja manchmal sehr speziell. Kannst du dich an einen besonders lustigen Fehler deiner Schüler erinnern? Hast du eine Art Lieblingsfehler?

 

Jessica Kreutz: Einen Lieblingsfehler habe ich nicht. Im Grunde erlebe ich ständig lustige Momente. Gerade in meinen Fächern, in Geschichte und Religion, wird es schon sehr deutlich, dass wir alle mit unterschiedlichen Überzeugungen und Traditionen groß werden. Daraus können sehr interessante und auch lustige Missverständnisse entstehen. Oft liegt die Komik dann im Moment und ist kontext- oder situationsbedingt und schwer wiederzugeben. Mit gefällt es auf jeden Fall, wenn wir vermeintliche Fehler im gegenseitigen Verständnis mit Humor nehmen. Das macht es oft viel leichter, die eigene Perspektive zu öffnen und vielleicht auch mal einen Fehler in der eigenen Überzeugung zu erkennen.

 

Was könnte in unseren Schulen im Hinblick auf die Fehlerkultur verbessert werden?

 

Jessica Kreutz: Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man eine angenehme Lern- und Arbeitsatmosphäre pflegt. Also für alle, sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Dazu gehören klare Gesprächsregeln – und dass alle sie einhalten. Auch introvertierte Schülerinnen und Schüler haben dann den Mut sich am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen. Wenn Fehler gemacht werden, müssen diese zwar klar benannt werden, aber ohne jemanden bloßzustellen. Sicherlich ist es eine wichtige Aufgabe, dabei immer neutral und vor allem ermutigend zu bleiben. Es muss klar sein: Fehler sind erlaubt, wir können daraus lernen und daran wachsen. An unseren Schulen kann bestimmt noch mehr dafür getan werden, dass das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen gestärkt wird. Das minimiert die Angst vor Prüfungen, die Schülerinnen und Schüler fühlen sich vorbereitet und vertrauen auf sich.

 

Wo stünden wir in einer Welt ohne Fehler?

 

Jessica Kreutz: Eine Welt ohne Fehler halte ich für unrealistisch. Allerdings denke ich immer wieder, dass den Kindern heute genau diese Illusion vorgegaukelt wird. In unserer Gesellschaft scheint sich eine „egal, was du tust, es ist perfekt“-Mentalität breitzumachen. Sie schadet allerdings mehr als dass sie nützt. Wenn ich bereits als dreijähriges Kind das Gefühl vermittelt bekomme, perfekt und fehlerlos zu sein, wie soll ich dann mit den Fehlern umgehen, die ich früher oder später natürlich machen werde? Und warum sollte ich dann überhaupt noch etwas lernen wollen – und vor allem: von wem? Aus Fehlern lernt man, lernen wir alle, deshalb sind Fehler und ihre Korrektur notwendig und wichtig für unsere Entwicklung.

 

Welchen Ratschlag würdest du uns gerne mit auf den Weg geben, wenn es um den Umgang mit Fehlern im Arbeitsalltag geht?

 

Jessica Kreutz: Es gibt Berufe, in denen Fehler tödlich sein können, aber zum Glück gehört mein Berufsfeld nicht dazu. Deshalb würde ich sagen, im Berufsalltag sollten Fehler erlaubt sein. Auch in Prüfungssituationen können diese geschehen. Wir sollten wieder aufmerksam machen darauf, dass die meisten Menschen nicht fehlerlos sind und dass wir alle aus Fehlern lernen können und sollen. Nur so können wir den Drang in uns erwecken und erhalten, stetig unser Bestes zu geben. Ich glaube, dass jemand, der von sich denkt perfekt zu sein, kein Bestreben mehr danach hat.

 

Zur Person:

Jessica Kreutz (41) ist seit über zehn Jahren Lehrerin am Gymnasium Thomaeum im niederrheinischen Kempen. Sie unterrichtet Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen in den Fächern Geschichte und evangelische Religion. Außerdem ist sie seit 2016 Schulseelsorgerin und Mitglied im Krisenteam ihrer Schule.