Fehler in der Wissenschaft: „Fehler sind der Kern unserer Forschung.”

Fehler in der Wissenschaft: „Fehler sind der Kern unserer Forschung.”

Stefan Sandfeld (46), TU Bergakademie Freiberg (Quelle: privat)

Stefan Sandfeld (46) hat den Lehrstuhl für Mikromechanische Materialmodellierung an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg inne. Wir haben mit dem Wissenschaftler darüber gesprochen, wie aus einem Fehler in der Wissenschaft auch schnell mal eine Erkenntnis wird und welche Tipps er für den Umgang mit Fehlern im Berufsalltag hat.

 

Wie erleben Sie es in Ihren Forschungsprojekten – ist der Umgang mit Fehlern unter Wissenschaftlern immer konstruktiv?

 

Stefan Sandfeld: Ja, zu 95 Prozent schon. Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass sich jemand einen Fehler nicht eingestehen will. Dabei ist das doch das Besondere bei uns in der Wissenschaft. Wir können einfach ausprobieren, ohne uns permanent Gedanken um falsch oder richtig machen zu müssen. Und gerade in solchen Momenten des Ausprobierens wird es spannend. Dabei kann man natürlich auch etwas „falsch“ machen, aber das ist Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung – auch, wenn dann von den Kolleginnen und Kollegen Gegenwind kommt. Solange die Kritik konstruktiv ist, muss man das als Wissenschaftler abhaben können.

 

Sie erforschen die Mikrostrukturen von Metallen. Spielen Fehler dabei eine besondere Rolle?

 

Stefan Sandfeld: Ja, absolut, Fehler sind im Grunde der Kern unserer Forschung. Es sind nämlich gerade die Materialien, die Fehler haben, die für uns so interessant sind. Das Perfekte, die Einhaltung der Norm ist erst einmal relativ uninteressant. Es sind die Abweichungen vom Perfekten, die dafür sorgen, dass Materialien interessante Eigenschaften vorweisen. Ein Beispiel? Dass Eisen biegsam ist und nicht ganz plötzlich in tausend Stücke zerbricht, ist – wenn wir es ganz genau nehmen – letztlich einer bestimmten Art von Fehlern in der Atomstruktur zu verdanken. Ohne Fehler in den Metallen, die wir erforschen, würde es meine Forschungsgruppe überhaupt nicht geben.

 

Fehler in der Wissenschaft: Welche Unterschiede sind Ihnen in Bezug auf Fehler bei der Zusammenarbeit mit internationalen Forschungsteams aufgefallen?

 

Stefan Sandfeld: Es gibt schon kulturelle Unterschiede. In manchen Ländern stehen Forscher unter einem erheblichen Druck, Ergebnisse zu liefern. Sie müssen massiv publizieren und Resultate vorweise, um finanzielle Mittel zu rechtfertigen und weiter gefördert zu werden. Das kann dazu verleiten, dass Forschungsergebnisse vielleicht nicht immer so hinterfragt werden, wie es idealerweise sein sollte, so dass diese etwas vorschnell veröffentlicht werden. Eine fortlaufende Falsifizierung und Validierung, also Überprüfung der Ergebnisse, bleibt dabei manchmal auf der Strecke. Einen minimalen Restfehler bei den Forschungsergebnissen kann ja eh niemand ausschließen. Da gibt es ganz unterschiedliche Ausprägungen, wie weit man diese Suche treiben kann. Ich muss aber auch sagen, dass wir in Deutschland – zumindest in den angewandten Wissenschaften – schon gute Bedingungen haben. Uns stehen im Großen und Ganzen ausreichend Mittel zur Verfügung, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Und um in Ruhe „Fehler“ zu machen.

 

Haben Sie einmal einen vermeintlichen Fehler gemacht, der sich im Nachhinein als glückliche Fügung herausgestellt hat?

 

Stefan Sandfeld: Ich glaube, dass passiert mir permanent. Bisher konnte ich mich allerdings auch glücklich schätzen, weil sich viele meiner Fehler im Nachhinein als sinnvoll erwiesen haben. Sei es zum Beispiel eine Methode, die ich vermeintlich umsonst entwickelt habe, die ich dann aber in einem anderen Kontext sinnvoll nutzen konnte. Oder wenn sich ein Jahr später herausstellt, dass ein Fehler gar nicht so fehlerhaft ist, sondern einfach nur ein wichtiges Puzzleteil fehlt, damit eine Idee schlüssig wird.

 

Wenn Sie auf Ihre eigenen beruflichen Erfahrungen schauen: Welchen Tipp würden Sie uns für einen besseren Umgang mit Fehlern auf den Weg geben?

 

Stefan Sandfeld: Ich denke, es sind schon ein Händchen und auch ein wenig Übung nötig, um Fehler, also die Abweichung vom Idealen, in etwas Konstruktives zu verwandeln. Allerdings gehört eine Art rote Linie im alltäglichen Umgang mit Fehlern ebenso dazu. Wir sollten in der Lage sein zu erkennen, wann wir besser einen Strich unter etwas ziehen und etwas Neues beginnen sollten. Es gibt Leute, die bekommen viel zu früh das Gefühl, eine Art point of no return erreicht zu haben. Frei nach dem Motto „ich habe jetzt so viel in mein Vorhaben investiert, ich muss es deswegen jetzt bis zum Ende durchziehen“. Auch wenn eigentlich allen klar ist, dass die Richtung nicht passt. Aber das ist in meinen Augen überhaupt nicht sinnvoll und kostet nur Zeit, Geld und Nerven.

 

Zur Person:

Stefan Sandfeld (46) hat den Lehrstuhl für Mikromechanische Materialmodellierung an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg inne. Nach Abschluss seiner Promotion an der University of Edinburgh war er unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie, an der Florida State University sowie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg in der Forschung aktiv.