Netzwerken für Introvertierte

Kontakte knüpfen gehört im Berufsleben dazu, heißt es. Was aber tun Menschen, die nicht gerne auf andere zuzugehen? Wir haben ein paar Ratschläge.

Netzwerken für Introvertierte

Introvertierte können auch Networking - so geht's

Was haben Barack Obama, Angela Merkel, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Tilda Swinton und Götz George gemeinsam? Sie alle sind berühmt – und introvertiert. Die Beispiele zeigen: Auch als leiser Mensch kann man es sehr weit bringen und im Rampenlicht stehen. Und letzteres machen die Vorzeigeleute aus Politik, Wirtschaft und Filmgeschäft offenbar gar nicht so ungern. Normalsterbliche Introvertierte müssen sich natürlich nicht derart in der Öffentlichkeit bewegen wie ihre typverwandten Promis.

Überall droht die Kontaktpflege

Dennoch kommt auch der durchschnittliche Berufsmensch manchmal nicht umhin, sich sehen zu lassen: Im Betrieb gibt es mal wieder einen Empfang mit der Geschäftsleitung. Die eigene Abteilung trifft sich mit dem Team einer anderen Abteilung zum Arbeitsessen. Man wird auf eine Fachmesse geschickt. Oder hat sich für ein Seminar eingeschrieben. Oder die Kollegen möchten mit dir auf Social Media Netzwerken befreundet sein? Wer pflicht- und karrierebewusst ist, hat irgendwann gelernt: Derlei Anlässe dienen auch der Kontaktpflege.

Dass die ruhigen Naturen schon beim Gedanken daran meistens ein mulmiges Gefühl beschleicht. Jahrelang wurde ihnen eingetrichtert, Kontakte knüpfen sei die Kernkompetenz der Extrovertierten. Diesen dampfplaudernden, omnipräsenten Personen mit ihren weit verzweigten Netzwerken. Aber ist das wirklich so?
 

Introvertierte sehen sich im Nachteil beim Netzwerken


Die Kommunikativen sind unter Menschen schließlich im Element und laufen in Gesellschaft zur Hochform auf. Verglichen damit sehen sich Introvertierte häufig im Nachteil. Veranstaltungen und Networking-Events zu besuchen, kostet sie Überwindung. Auf andere zuzugehen, fällt ihnen schwerer - auch über digitale Kanäle wie What's App & Co. Und nach einem Anlass mit vielen Leuten fühlen sie sich wie durchgekaut und ausgespuckt und wünschen sich ausgedehnte Regenerationsphasen – am liebsten in absoluter Abgeschiedenheit.

Das ist völlig normal. Introversion habe nichts mit Schüchternheit zu tun, also mit der Angst vor sozialen Kontakten. Vielmehr mit der Notwendigkeit, sich in regelmäßigen Abständen auf die eigene Innenwelt zu konzentrieren.
 

Man muss sich nicht verbiegen, um trotzdem dabei zu sein


"Intros" verwenden viel Energie darauf, das, was um sie herum passiert, mit dem abzugleichen, was in ihnen vorgeht. Diese hohe Verarbeitungsrate führt auch dazu, dass diese Menschen leicht überstimuliert sind, wenn zu viele Reize auf sie einprasseln, und sie die Interaktion mit mehreren Personen gleichzeitig so anstrengend finden. Daher der schwirrende Kopf und die Ermattung, wenn sie einen Anlass mit vielen, wild durcheinander quasselnden Teilnehmern besucht haben.

Das alles bedeutet aber nicht, dass die Stillen und Leisen derartige Veranstaltungen meiden sollten. Im Gegenteil: Es ist ratsam sich auch mal unters Volk zu mischen. Verbiegen müssen sie sich dabei nicht, wenn sie es auf ihre Art tun und folgende Regeln einhalten. Wichtig für Introvertierte ist dabei:

  • Die eigenen Bedürfnisse und Stärken kennen und nutzen
  • Sich auf wenige Menschen konzentrieren
  • Für Ruhepausen sorgen und die Zeit begrenzen

 

Entgegen der landläufigen Meinung haben Introvertierte viele Eigenschaften, die beim "Netzwerken" von Vorteil sind:

  • Sie gelten als ausgezeichnete Beobachter und Zuhörer
  • Als Gesprächspartner sind sie konzentriert bei der Sache und geben dem Dialog Substanz und Tiefe
  • Zudem können sie sich gut in andere hineinversetzen
  • Sie merken es in der Regel, wenn auch das Gegenüber keine Lust mehr hat auf Konversation hat

All das macht sie beharrlich, was ebenfalls ein Pluspunkt ist, denn einen soliden Kontakt aufzubauen, dauert nach Angaben von Experten gut zwei Jahre!


Strategische Sichtbarkeit


Bleibt die Frage, ob Netzwerkpflege für Job und Karriere tatsächlich so wichtig ist, wie in Bergen von Büchern seit Jahren geraten wird. Und Schätzungen vermuten lassen – 85 Prozent aller Management-Positionen werden über Beziehungen vergeben. Also an Personen, die man kennt oder einem empfohlen wurden. Wer gut vernetzt ist, kommt schneller an relevante Informationen. Das könne sich als wertvoll erweisen.

Und warum nicht dafür sorgen, dass die richtigen Akteure erfahren, was man kann und was man leistet? Das habe nichts mit plumper Vermarktung zu tun, sondern mit "strategischer Sichtbarkeit." Denn Tatsache sei: Befördert wird viel, aber auch die Fähigsten und Fleißigsten werden übersehen, wenn sie nicht ab und zu auf sich aufmerksam machen.

 

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