Quereinsteiger: Von der Förderschule zur Lerntherapie

Quereinsteiger: Von der Förderschule zur Lerntherapie

Nadine erzählt von ihrem Quereinstieg

Die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern ist fordernd – insbesondere dann, wenn es sich um eine Einrichtung mit Brennpunktqualitäten handelt. Deshalb arbeiten an einer Grundschule in Offenbach nicht nur Lehrerinnen und Lehrer: Nadine Seitz ist mit ihrer Stelle als Präventions- und Förderpädagogin eine große Hilfe für ihre Kolleginnen und Kollegen. Sie unterstützt die Kinder außerhalb des Regelunterrichts mit zahlreichen Maßnahmen, unter anderem zur Konfliktbewältigung und zur Sprachförderung. Noch arbeitet Nadine ausschließlich als Schulpädagogin, doch für die Zukunft kann sie sich durchaus einen Quereinstieg in die Sprachtherapie vorstellen – und arbeitet auch schon daran.

 

Interview mit Nadine Seitz, Förderschullehrerin an einer Grundschule in Offenbach

 

Wir möchten gerne etwas mehr über deinen Traumjob erfahren. Du bist als Förderschullehrerin an einer Grundschule tätig. Wie genau sieht deine Arbeit dort aus?

 

Nadine Seitz: Normalerweise sind Förderschullehrer eher in der Beratung und in der speziellen Förderung tätig. In Offenbach gibt es aber eine so genannte Sozialindexstelle. Dadurch habe ich feste Stunden nur für meine Schule. Ich arbeite dort in der Prävention, aber auch im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung von Kindern und teilweise auch im regulären Unterricht als Sportlehrerin. Das Tolle ist, dass ich mit den Kindern gemeinsam Maßnahmen durchführen kann, die im Regelunterricht überhaupt nicht möglich sind.

 

Wie genau sehen diese Maßnahmen aus?

 

Nadine Seitz: Es sind immer kleine Gruppen, die gemeinsam mit mir und dem Lehrer ausgesucht und angemeldet werden. Wir fördern die Kinder auf ganz unterschiedliche Weise. Da gibt es zum Beispiel einmal das Konzentrationstraining oder Kinderyoga und mit den ganz Kleinen machen wir psychomotorische Übungen, die in der Turnhalle stattfinden. Eine ganz besondere Förderaktion ist unser Projekt mit einer Hundetrainerin und ihrem Hund. Und dieser Hund übt mit den Kindern zusammen ihr soziales Verhalten. Das machen wir seit fünf Jahren und es ist toll zu sehen, wieviel die Kinder in diesem Projekt lernen.

 

Du scheinst deine Arbeit sehr zu mögen.

 

Nadine Seitz: Ja, ich gehe wirklich gerne hin. Es ist einfach unglaublich interessant, mit den Kindern zu arbeiten. Sie haben teilweise schon recht spezielle Schwierigkeiten, hinter jeder verbirgt sich eine persönliche Geschichte. Wenn ich dann sehe, dass die Maßnahmen den Kindern nicht nur Spaß machen, sondern ihnen wirklich weiterhelfen, ist das einfach schön.

 

Das klingt fast ein bisschen so, als hättest du deinen Traumjob schon gefunden. Wovon hängt bei dir die Zufriedenheit im Beruf hab?

 

Nadine Seitz: Mit ist auf jeden Fall wichtig, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich arbeite. Also wie ich mir die Zeit einteile und die Lern- und Förderinhalte gestalte. Was mir ebenfalls viel bedeutet, ist die Zusammenarbeit im Team. Ich bin immer noch an derselben Schule, so anstrengend es manchmal auch ist, gerade weil ich ein so tolles Kollegium habe.

 

Welche Rolle spielt es für dich, dass deine Arbeit einen Sinn erfüllt?

 

Nadine Seitz: Ich finde es auf jeden Fall wichtig, dass meine Arbeit für mich einen Sinn hat. Es wäre zum Beispiel nichts für mich, im Büro zu sitzen und viel zu schreiben. Auch wenn das hinterher natürlich für die Leute sinnvoll ist, die es lesen. Aber für mich persönlich ist es unverzichtbar, mit Menschen zu arbeiten. Wenn ich sehe, wie sich die Kinder entwickeln, wie sie immer mehr eine Beziehung zu mir aufbauen und wie ich ihnen damit helfen kann, dann bin ich mit meiner Arbeit zufrieden. Das sind für mich wichtige Dinge, damit meine Arbeit einen Sinn hat.

 

Hast du eine berufliche Vision?

 

Nadine Seitz: Ja, die habe ich, auf jeden Fall! Ich habe vor Kurzem in meiner Schule mit der Lese-Rechtschreib-Förderung angefangen. Da muss ich jetzt mal schauen, wie weit ich das noch ausbauen kann. Auf jeden Fall sind Fortbildungen dafür sehr wichtig. Das ist eine fachliche Weiterentwicklung, die mich neben den anderen Sachen gerade sehr beschäftigt. Damit könnte ich quasi quer von der Seite in den therapeutischen Bereich einsteigen. Funktionieren würde das auf jeden Fall, denn es besteht ein sehr großer Bedarf an Lese-/Rechtschreib-Therapeuten.

 

Kannst du dir vorstellen, dass dein neuer Fokus größere berufliche Veränderungen mit sich bringt?

 

Nadine Seitz: Ja, auf längere Sicht schon. Da wäre es für mich durchaus denkbar meine Stunden in der Schule zu reduzieren und dann stärker in die Betreuung einzelner Kinder, also in den therapeutischen Bereich zu gehen. Damit würde ich Kindern helfen, denen die Arbeit in der Gruppe nicht ausreicht, um Fortschritte zu machen.

 

Ist es eher die therapeutische Einzelarbeit, die schon heute Deiner Vorstellung von einem Traumjob am nächsten kommt?

 

Nadine Seitz: Nein, das würde ich nicht so sagen. Es ist schon so, dass ich beides bräuchte. Also ganz auf der einzeltherapeutischen Ebene zu arbeiten, das wäre jetzt im Moment noch nichts für mich. Ich brauche das Leben an der Schule und viele Kinder um mich herum. Durchaus denkbar wäre es für mich allerdings, so ab Mitte 50 als Therapeutin tätig zu sein. Jetzt im Moment finde ich es gut so, wie es ist. Aber mit zunehmendem Alter und dem Wunsch nach etwas mehr Ruhe auf der Arbeit könnte dieser Quereinstieg in ein anderes Berufsfeld durchaus interessant für mich werden. 

 

Lebenslanges Lernen ist ein großes Schlagwort. Spielt es für dich und im Hinblick darauf, wohin du dich beruflichen entwickeln möchtest, eine Rolle?

 

Nadine Seitz: Ja, auf jeden Fall! Ich finde es total spannend, Inhalte zu wiederholen oder Neues zu erfahren. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke „Mensch, da musst Du aber noch einmal nachschlagen“. Da weiß ich nicht mehr genau, worauf es im Kern einer bestimmten Sachfrage ankommt oder ob sich da inzwischen in der Expertenmeinung vielleicht auch etwas geändert hat. Fortbildungen helfen mir auf jeden Fall sehr dabei, bestimmte Ansätze noch besser in den Unterricht oder auch in die Förderung einzubringen. Eigentlich muss man gerade als Lehrer immer lebenslanges Lernen im Hinterkopf haben. Das finde ich total wichtig.

 

Welchen Tipp würdest du Freunden geben, die überlegen, sich beruflich zu verändern?

 

Nadine Seitz: Oh, das ist eine gute Frage. Es kommt natürlich darauf an, was sie für Interessen haben. Wenn sie sagen, sie wollen gerne wie ich mit Menschen arbeiten, dann würde ich natürlich schon darauf hinwirken, in meinem Berufsfeld tätig zu werden. Aber wenn jemand sagt „Nee, die Arbeit mit Menschen ist nix für mich“, dann würde ich ihn oder sie vielleicht eher ins Büro schicken. Der Kern bei jeder Überlegung ist, glaube ich, zu schauen, was neben der individuellen Begabung auch die persönliche Erwartung an den Sinn einer Tätigkeit ist. Es ist natürlich sehr wichtig, dass man Interesse an seinen Aufgaben hat. Sonst macht einem die Arbeit logischer Weise keinen Spaß. Wenn mich etwas allerdings so richtig interessiert, dann gibt es aus meiner Sicht auch immer Mittel und Wege, in diesem Bereich zu arbeiten. Manchmal vielleicht über Umwege und mit etwas Aufwand, aber generell gilt in meinen Augen: keine Angst vorm Quereinstieg!

 

Nadine, vielen Dank, dass du uns so viel über deine Arbeit und deine persönlichen Vorstellungen von einem Traumjob verraten hast!

Zur Person: Nadine Seitz (42) ist Förderschullehrerin an einer Grundschule in Offenbach am Main. Sie arbeitet seit 2003 intensiv in Kleingruppen mit Kindern zusammen und fördert sie in ihrer sozial-emotionalen und psychomotorischen Entwicklung. Darüber hinaus bietet sie Lernfördermaßnahmen in den Bereichen Lesen und Rechtschreibung. Als Yoga-Kursleiterin für Kinder schafft sie Schülerinnen und Schülern außerdem einen Rahmen für Entspannung.