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Schriftliche Bewerbung: Neues vom Klassiker


Schriftliche Bewerbung - Neues vom Klassiker

Die schriftliche Bewerbung ist noch gefragt. Ihr größter Vorteil: Sie bietet mehr Gestaltungsfreiraum. Allerdings darf der Bewerber nicht übertreiben. Und er muss sorgfältig arbeiten.



Von Christoph Stehr

 

 

Wenn zwei sich um den Drucker streiten, freut sich der Dritte. Biologiestudentin Desiree hat es selbst erlebt: Im Vorstellungsgespräch für ein Praktikum packt sie der blanke Horror. Der Personalleiter blättert interessiert durch ihre Bewerbung, allerdings hält er die Mappe verkehrt herum. Desiree sieht, dass Lebenslauf und Anschreiben beidseitig bedruckt sind. Vorne mit ihrer Bewerbung, hinten mit einem Text über Molekulargenetik.

Kleine Fehler können den Job kosten

Der Personalleiter kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Etwas ungewöhnlich, aber sehr ökonomisch", sagt er. "Und für Ihr Semester ganz schön anspruchsvoll." Desiree schluckt und sagt nichts. Sie hat vergessen, das Schmierpapier ihrer WG-Mitbewohnerin, die in Biologie promoviert, aus dem Drucker zu nehmen. Glück gehabt, Desiree bekommt den Job.

Bewerbungspannen wie diese hat Claudia Kimich, Karriereberaterin in München, schon einige gesehen. In der Regel gehen sie nicht so glimpflich aus. "Die äußere Form ist meist mehr als die halbe Miete", sagt Kimich. "Schreib- oder Tippfehler, schlechte Übersichtlichkeit sind genauso K.o.-Kriterien wie Urlaubsfotos oder unvollständige lose Unterlagen."

Papierbewerbung ist immer noch gefragt

Die Geduld der Personaler ist bald erschöpft. Nach einer Umfrage von karrierebibel.de sortieren 18 Prozent gnadenlos Bewerbungen aus, die mehr als einen Vertipper enthalten. 28 Prozent zücken bei mehr als zwei Fehlern die rote Karte. Am schlimmsten sei es, wenn Namen von Firmen oder Ansprechpartner falsch geschrieben werde, gaben 69 Prozent der Befragten an.
 

 

 


Checkliste: Schriftlich bewerben
Anschreiben, Foto, Lebenslauf, Mappe, Anlagen - das Wichtigste zusammengefasst



"In kleineren Firmen ist die klassische Papierbewerbung nach wie vor erste Wahl", beobachtet Jörn Tschirne von der CoachAcademy in Stuttgart. "Hier sitzen die Entscheider räumlich meist dicht beieinander und haben daher keine Abstimmungsprobleme." Die Mappe wandert von Hand zu Hand – so schnell ist kein Mail-Wechsel. Auch viele Behörden ziehen Papier vor, genauso die freien Berufe, etwa Arztpraxen oder Architekturbüros.

Nur der Anfang ist schwer

"Die Bewerbung ist die Eintrittskarte ins Vorstellungsgespräch", sagt Tschirne. "Wer sich hier nicht die Mühe macht, sauber zu arbeiten, der legt den Verdacht nahe, dass ihm der Job nicht wichtig genug ist." Das klingt nach mehr Arbeit als es tatsächlich ist. Nach der vierten, fünften Bewerbung haben Jobsucher meist "den Bogen raus".

Daraus leitet sich die Empfehlung ab, den Wunscharbeitgeber erst ins Visier zu nehmen, nachdem man sich bei anderen Unternehmen, die weniger attraktiv erscheinen, warm gelaufen hat. Doch Vorsicht: Übung heißt nicht Routine, schon gar nicht Massenabfertigung: "Durch eine individuell verfasste und auf die Anzeige abgestimmte Bewerbung kann man sich nahezu problemlos von 90 Prozent der Mitbewerber abheben."

Der Personaler ist König

Fakten, Fakten, Fakten und immer an den Personaler denken – das hilft beim Schreiben. Welche Erwartungen hat das Unternehmen? Welchen Stil pflegt es: eher jung-dynamisch oder eher konservativ? Entsprechend sollte die Mappe aussehen. Eine Bank oder Versicherung schätzt den seriösen Auftritt, während eine Werbeagentur es wahrscheinlich etwas schriller mag.

"Meiner Meinung nach gibt es keine Grenzen der Kreativität", sagt Trainerin Kimich. "Ich habe mal mit einem Klienten, der sich als Koch beworben hat, die Bewerbung wie eine Speisekarte aufgebaut: Als Aperitif biete ich Ihnen Feingefühl, zur Vorspeise Kreativität und Disziplin usw. Das kam sehr gut an und er wurde zum Gespräch eingeladen, obwohl die Bewerbungsfrist bereits abgelaufen war."

Bewerbungsfoto: Sich gut in Szene setzen

Ute Bölke, die eine Coaching-Praxis in Wiesbaden leitet, rät, dem Foto viel Aufmerksamkeit zu widmen. "Nicht im Sinne von Schönheit", sagt sie, "sondern im Sinne von: Wie will ich wahrgenommen werden, was will ich zeigen?"

So platzierte Sie eine Architektin beim Fotografen auf einem Stapel von Bildbänden zu berühmten Bauwerken. Einer Werbefrau empfahl sie, sich auf einem schlichten Zweisitzer in einem ansonsten leeren Raum per Selbstauslöser abzulösen. Die Botschaft "Ich mag klare Formen, keinen Schnickschnack" bescherte der Frau sofort eine Einladung zum Gespräch.

Die neuesten Trends der schriftlichen Bewerbung

Dass die schriftliche Bewerbung "von gestern" sei und den Verfasser als wenig innovativ abstemple, gehört ins Reich der Fabel. Denn auch die klassische Form der Jobanbahnung entwickelt sich, folgt Trends.

Im anschreiben beispielsweise geht es heute vor allem um die motivation und nicht mehr darum, möglichst alle erfahrungen und kompetenzen unterzubringen. außerdem: "es gibt einen trend zur kurzbewerbung – dass ein bewerber nicht gleich seine kompletten unterlagen, sondern nur ein flottes profil schickt, um das interesse zu klären. so sparen beide seiten zeit", sagt Martin Wehrle, der den Job-Bestseller "Ich arbeite in einem Irrenhaus" geschrieben hat.

Der Gesetzgeber mischt ebenfalls mit. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bewirkt, das Unternehmen interne Prozesse auf Diskriminierung hin abklopfen – auch die Bewerberauswahl. So ist immer häufiger in Stellenanzeigen zu lesen, das Foto auf dem Lebenslauf doch bitte wegzulassen.

Referenzen statt Arbeitszeugnissen

Der Frankfurter Coach Thomas Lange hat einen weiteren Trend ausgemacht: "Bei Bewerbungen wird die Angabe von Referenzen zukünftig wichtiger werden." Da viele Mitarbeiter Gelegenheit hätten, den Entwurf ihres Arbeitszeugnisses selbst zu formuliere, verliere dieses Beurteilungsinstrument an Aussagekraft. Personaler greifen lieber zum Telefon, um sich bei früheren Chefs nach einem Bewerber zu erkundigen.

Biologiestudentin Desiree findet das in Ordnung. Da sie im Praktikum eine hervorragende Beurteilung bekam, gibt sie in aktuellen Bewerbungen die Durchwahl des Vorgesetzten von damals an. Und überprüft stets das Papierfach, bevor sie Anschreiben und Lebenslauf ausdruckt.

(Bild: Marc Dietrich)


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