Skip to main content

Stellenanzeigen verstehen - Teil 2

Auch Stellenanzeigen bedürfen der Interpretation. Was darf der Jobsucher erwarten, wenn ihm ein "leistungsgerechtes Gehalt" versprochen wird und was meinen Unternehmen, wenn sie vom Kandidaten "prozessorientiertes Handeln" fordern? Francoise Hauser hat für Sie übersetzt.

Von Francoise Hauser

Jeder präsentiert sich so gut er kann. Genauso wie sich Bewerber grundsätzlich von ihrer Schokoladenseite zeigen, kehren auch Unternehmen in Stellenanzeigen eher die guten Seiten einer Stelle hervor. Manchmal ist Interpretation gefragt. Wer genau hinschaut (und ein wenig Humor mitbringt), kann sich auf die Floskeln einen Reim machen.

Übersetzungsarbeit gefragt

Schon bei der Eigenbeschreibung sind große Formulierungen beliebt: Ein "namhaftes Unternehmen" ist nicht zwingend weltweit bekannt und auch subjektive Formulierungen wie "anerkannter Marktführer in seinem Segment" sind mit Vorsicht zugenießen: Schließlich könnte man so auch den größten Hersteller roter Metallic-Knöpfe oder den führenden Importeur chinesischen Jiaogulan-Tees in Süddeutschland korrekt beschreiben.

Lesen Sie auch: Stellenanzeigen verstehen - Teil 1

Ein "kleines, dynamisches Unternehmen" ist wahrscheinlich noch nicht lange auf dem Markt oder besteht aus zwei Mitarbeitern, so dass mit Sicherheit neben den Kernaufgaben noch viele weitere Aufgaben auf den Angestellten zukommen.

Versteckte Gehaltsangaben

Essentiell sind die Angaben zum Gehalt: " angemessene Entlohnung", "erste Erfahrungen", "kontinuierliche Weiterentwicklung", "leistungsgerechtes Gehalt" und "Einstiegsposition" lassen auf eine bescheidene Entlohnung schließen.

Aufhorchen sollte man beim Satz "zunächst auf ein Jahr befristetet": Gut möglich, dass es sich hier um eine Schwangerschaftsvertretung handelt. In einem großen Unternehmen kann sich dies als eine gute Einstiegsmöglichkeit herausstellen, in einem kleinen Unternehmen heißt es jedoch nach einem Jahr meist Auf Wiedersehen, weil schlicht keine anderen freien Stellen vorhanden sind - auch wenn der Arbeitgeber mit der Leistung zufrieden ist. Ähnlich steht es um diesen Satz: "Bei dieser Stelle handelt sich um eine auf 24 Monate befristete Stelle nach § 14 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (in der jeweils gültigen Fassung)". Wetten, hier hat sich der Letzte in eine Vollzeitstelle geklagt?

Aufschlussreich sind auch die folgenden Formulierungen:

Wir suchen ab sofort

Stellen werden in alteingesessenen Unternehmen selten von heute auf Morgen frei - hat hier vielleicht der letzte Stelleninhaber Knall auf Fall gekündigt?

internationales Umfeld

Vorsicht Kulturschock-Potential. Die Umgangsformen sind in einer koreanischen Firma nicht unbedingt schlechter, wohl aber anders. Wer viel mit den USA zu tun hat, muss dank der Zeitverschiebung für persönliche Telefonate bis zum Abend bleiben.

publikumsintensive Stelle

Achtung: täglicher Kontakt mit Nörglern und unzufriedenen Kunden oder Antragstellern.

prozessorientiertes Denken und Handeln

Bei dieser Stelle sollten sie keine Angst vor Paragraphen und Prozessen haben. Sie zucken bei den Worten ISO, Standardisierung und Procedure nicht zusammen und müssen nicht immer sofort den Sinn ihres Handelns erkennen.

kontinuierliche Weiterentwicklung

Könnte sein, dass damit Weiterbildungsmöglichkeiten gemeint sind. Oder die Tatsache, dass Sie jede Woche neue Aufgabengebiete bekommen.

in enger Abstimmung mit...

hier liegt der Verdacht nahe, dass der eigene Entscheidungsspielraum knapp bemessen ist und im Zweifelsfall eine andere Abteilung am längeren Hebel sitzt.

direkte und schnelle Kommunikation und aufrichtiges Feedback

Besonders sensible Menschen aufgepasst: Hier nehmen Vorgesetzte und/oder Kollegen kein Blatt vor den Mund

hohe Konzeptions- und Umsetzungsstärken

Sie denken sich was aus und machen es dann

Nahezu ohne jede Bedeutung sind Phrasen wie "angenehmes Betriebsklima" oder "nettes Team": Hier kommt es schließlich darauf an, welche Maßstäbe man anlegt.

Das Wort "operativ" bedeutet: rein gar nichts

Ignorieren darf man auch das Adjektiv "operativ": Es bedeutet...nun ja, im beruflichen Umfeld eigentlich gar nichts. Wer operativ tätig ist, macht etwas. Ergo sind die meisten Stellen operativ - wörtlich betrachtet ist beispielsweise ein operativer Einkäufer einer, der das dann auch wirklich etwas macht und nicht nur rumsteht.

(Bild: Kanea, Fotolia)


Francoise Hauser ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt vor allem über berufliche Themen und alles, was mit Asien zu tun hat. Auszüge aus ihrem neuesten Buch gibt es unter www.bewerberwahnsinn.de.

 


Back to top