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Azubi mit grauen Schläfen

Azubi mit grauen Schläfen

Ausbildungsbetriebe müssen zunehmend um Lehrlinge kämpfen. Um Azubis zu finden, gehen Unternehmen neue Wege und setzen auf erfahrene Menschen, die in der Mitte ihres Lebens einen Neustart wagen.

 

 

Von Tatjana Krieger

Personaler, die Auszubildende suchen, leben in schweren Zeiten: Der demografische Wandel sorgt für sinkende Bewerberzahlen, immer mehr Schulabgänger gehen auf die Universität statt in die Lehre, anderen Jugendlichen fehlt es an Ausbildungsreife oder Motivation. Um den Fachkräftebedarf dennoch zu decken, öffnen manche Unternehmen ihre Ausbildung für ältere Bewerber – und machen damit gute Erfahrungen.

Ausbildung im besten Alter

Es ist noch nicht so lange her, da dachte man in den Personalabteilungen darüber nach, wie man Mitarbeitern über 50 Jahren den Vorruhestand schmackhaft machen könne. Heute umwerben Firmen sie als Quer-, Neu- und Wiedereinsteiger für ihre Ausbildungspläne. Seit 2006 läuft bei der ING-DiBa etwa das Programm „Azubis 50+“:  Eine einjährige Ausbildung zum Bankassistenten für den Bereich Immobilienfinanzierung oder Kundendialog. Das Programm ist Teil des Diversity-Konzepts der Bank und berücksichtigt, dass ältere Kunden Ansprechpartner im gleichen Alter bevorzugen. Zudem soll es das gute Miteinander von Jung und Alt im Team fördern und die Belegschaft langfristig demografiefest machen: „Wenn alle zum gleichen Zeitpunkt jung sind, sind auch alle zum gleichen Zeitpunkt alt“, so Matthias Robke, Bereichsleiter Personal bei der ING-Diba.

Positiv sind auch die Erfahrungen, der Sparkasse Meißen, die vor einiger Zeit schnell qualifizierte Fachkräfte gebraucht hatte. Ihr Quereinsteigerprogramm richtete sich an Menschen mit Berufserfahrung, die sich für den Vertrieb ausbilden ließen. „Es hatten sich unter anderem ein Rettungsassistent, eine Kellnerin und ein Porzellanmaler beworben“, erzählt Personalmanagerin Dagmar Rudolph. Die Vorbildung war nicht entscheidend: „Wichtig war, dass unsere Azubis Freude am Verkauf mitbrachten und die Fähigkeit, schnell mit Menschen ins Gespräch zu kommen.“ Mehrere der ehemaligen Lehrlinge arbeiten mittlerweile festangestellt in der Firma. Derzeit liegt das Programm zwar auf Eis, könne aber bei Bedarf jederzeit wieder aus der Schublade gezogen werden, sagt Rudolph. Was ihr an den Quereinsteigern gefällt: „Sie können verschiedene Berufe vergleichen und wertschätzen das Arbeitsumfeld bei uns.“ Das Engagement der Älteren ist hoch, vielleicht auch, weil sie wissen, dass der Arbeitsmarkt größtenteils immer noch auf die Jugend schielt, Menschen mittleren Alters mit Vorbehalten begegnet und dass ihre Chancen begrenzt sind.

Neue Chancen nutzen

So jedenfalls hat es Roland Wick erlebt. Als er im Jahr 2011 auf die „Azubis 50+“-Offensive der ING-Diba aufmerksam wurde, war er schon eineinhalb Jahre auf Arbeitssuche. Vor vielen Jahren hatte er schon einmal eine Bankausbildung absolviert, danach in anderen Branchen gearbeitet. „Meine Vorbildung hat mir das Lernen erleichtert und anders als mit 16 oder 17 Jahren weiß man später genau, warum man die Ausbildung macht“, erzählt er. Heute ist Wick über 50 und arbeitet nach seiner Ausbildung und Abschlussprüfung in einer unbefristeten Vollzeitstelle als Sachbearbeiter für Immobilienfinanzierung. Sein Vorgesetzter Friedel Schäfer ist froh, dass er ihn im Team hat. „In unsere Abteilung arbeiten Menschen von Ende zwanzig bis über fünfzig, die sich mit ihren Vorzügen gegenseitig ergänzen.“

Wer ist wofür geeignet?

Sicherlich ist nicht jeder Ausbildungsberuf gleichermaßen für ältere Azubis geeignet. Wo es auf Kraft und körperliche Fitness ankommt, sollte man sehr genau schauen, wie lange der Bewerber den Belastungen des Jobs tatsächlich standhalten kann. Dennoch ist die Chance hoch, gerade unter älteren Kandidaten einen sehr engagierten Lehrling zu finden: Viele sind einfach dankbar, vielleicht nach langer Elternzeit eine neue Chance zu bekommen, andere wollen Talente und Interessen ausleben, die sie aus Vernunftgründen zuvor anderen Karriereplänen geopfert hatten oder möchten in der Mitte ihres Berufslebens ihrem Tun eine neue Richtung geben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vielleicht nicht mehr so formbar und beeinflussbar sind wie Schulabgänger – dafür aber viel Selbstmotivation und Lebenserfahrung mitbringen. Ältere Azubis sind sich der Konsequenzen ihrer Entscheidung bewusst. Schon allein deshalb, weil sie plötzlich mit einem niedrigeren Lehrlingsgehalt auskommen müssen. Die Abbrecherquote dürften damit deutlich geringer ausfallen, als bei Jugendlichen.

Wer im Rekrutierungsprozess gezielt ältere Kandidaten ansprechen möchte, muss mitunter einen Schritt zurück in die Zukunft gehen. Weil die Sparkasse Meißen wert gelegt hat auf Bewerber aus der Region, schaltete sie Anzeigen in der Regionalpresse. Geeignet sind in allen anderen Fällen außerdem Online-Anzeigen und überregionale Blätter. Auch in sozialen Netzwerken sind zwei Drittel der 50- bis 64-Jährigen mittlerweile laut Branchenverband Bitkom vertreten. Auch dort kann also eine Kampagne sinnvoll sein. Ansonsten sollte man sein Programm über Öffentlichkeitarbeit und über Verbände und Kammern bekannt machen – denn nur Ältere, die erfahren, dass es ein Ausbildungsprogramm für sie gibt, werden sich auf ein solches Nischenangebot bewerben. (Bild: Fotolia.com)