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Diversity: Menschen mit Handicap erfolgreich integrieren

Diversity: Menschen mit Handicap erfolgreich integrieren

diversity management, integration, inklusion, vielfalt, fachkräftemangelUnternehmen spüren, dass der Zustrom von Arbeitskräften allmählich versiegt und entdecken zunehmend das Potenzial von Zielgruppen, denen man bislang eher wenige Chancen eingeräumt hat. Menschen mit Handicaps zum Beispiel. Tipps für die Integration.

 

 

Von Winfried Gertz

„Mit ihrer eingleisigen Personalpolitik“, so Matthias Prössl, täten sich viele Betriebe keinen Gefallen. „Zu eng“ definierte Anforderungsprofile beraubten viele begabte Menschen ihrer Chancen, ist er überzeugt. Und damit geht im Umkehrschluss auch der Wirtschaft viel Know-How verloren.

Autisten in die Wirtschaft vermitteln

Als Statthalter des dänischen IT-Dienstleisters Specialisterne, der sich zum Ziel gesetzt hat, Autisten erfolgreich in die Wirtschaft zu vermitteln, knüpft Prössl von München aus Kontakte zu Unternehmen, die anders ticken. Sie reden nicht nur über Diversity, sie wollen Vielfalt tatsächlich in ihren Betrieben umsetzen und als wettbewerbsentscheidenden Vorteil nutzen. Und: Ihr Verständnis von Vielfalt erstreckt sich nicht allein auf die Integration von Frauen, Ausländern und Älteren, woran die meisten denken, sobald sie sich des Themas annehmen.

Weil sich Unternehmen aber noch schwer tun, von Handicaps betroffene Menschen in eigener Regie zu integrieren, wenden sie sich wie der Softwarekonzern SAP an Partner wie Prössl. „Mitarbeiter, die künftig unmittelbar mit Autisten zusammenarbeiten, werden rechtzeitig in von Specialisterne angebotenen Trainings darauf vorbereitet“, sagt die für Diversity zuständige Managerin, Anka Wittenberg.

Inklusion: Das richtige Umfeld schaffen

Das Stichwort lautet: Inklusion. „Wir wollen ein Umfeld sicherstellen, in dem sich Autisten wohlfühlen und ihre Talente bestmöglich entfalten können“, erläutert Wittenberg. Vodafone ist hier schon einen Schritt weiter. Während SAP die ersten Autisten in Kürze begrüßen wird, arbeiten bei dem Telekommunikationsdienstleister schon seit März vier Autisten mit dem Asperger-Syndrom.

Ehe Autisten ihre Arbeit antreten, müssen jedoch strukturelle Vorkehrungen getroffen werden. Dazu gehört, Mitarbeiter und Führungskräfte über das Wesen des Asperger- Syndroms aufzuklären: Welche Handicaps sind damit verbunden und wie sollte die Firma am besten damit umgehen? Laut Angela Holtze, Projektleiterin des Hamburger Bildungsträgers Salo und Partner, sind neben der Ernennung fester Ansprechpartner für Autisten auch klare Strukturen zu schaffen: Wie steht es um Arbeitszeiten, wo kann der Beschäftigte seine Pause verbringen? „Autisten haben Schwierigkeiten, in einer Gruppe Smalltalk zu machen. Das überfordert sie oft.“

Der richtige Umgang


Ist der Kandidat inzwischen Teil des Teams, müssen Führungskräfte auf seine schonungslose Ehrlichkeit und Direktheit vorbereitet sein und damit umgehen können. „Hör mal“, unterbricht der Autist den Chef, der sich mal wieder ungeduldig zeigt. „Du fällst Deinem Kollegen ständig ins Wort.“ Botschaften, die Führungskräfte nicht mehr hören würden, sagt Thomas Heymerl von der Stiftung Pfennigparade. Gemeinsam mit Führungskräften von Unicredit, Münchner Rück oder Bosch besucht er das Münchner Rehabilitationszentrum, wo sie Menschen mit Handicap hautnah erleben und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Um Mitleid geht es dabei nicht. Dies wäre auch der denkbar schlechteste Ansatz, den Umgang mit Gehandicapten und die Unternehmenskultur im Interesse der Inklusion positiv zu beeinflussen. „Faseln Unternehmen von Diversity oder Corporate Social Responsibility (CSR)“, sagt Prössl klipp und klar, „sind sie auf dem Holzweg.“ Autisten wollten „keine Extrawurst“, sondern zeigen, dass sie leistungsfähig sind.

Positives Fazit bei Vodafone

Bei Vodafone, wo die Autisten technische Referenzdaten steuern und Datenbanken sowie Interfaces programmieren, scheint das in Ansätzen tatsächlich zu gelingen. Man ist überrascht von ihrer Fähigkeit, neue Lösungswege für hartnäckige Probleme zu finden. In den Teams, sagt Marc Ruckebier, Leiter Issue- & Reputation-Management bei Vodafone, herrsche eine „beinahe familiäre Stimmung“. Meist ergebe es sich von selbst, dass jemand die Rolle des Tutors für den Autisten übernimmt.

Sobald Autisten von Diskriminierungserfahrungen aus Schulzeiten und ihren Schwierigkeiten im Beruf berichten, öffnen sich plötzlich auch Kollegen und erzählen von eigenen Erlebnissen der Ausgrenzung und des Scheiterns. So ergebe sich eine „spannende Dynamik“, die zu mehr Offenheit beitragen könne, so Ruckebier. „Man braucht keine umfangreiche Schulung, um zu verstehen, wie mit Handicaps umzugehen ist.“ (Fotolia.com)