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Fehlerkultur: Warum Fehler nichts Schlechtes sind

Fehlerkultur: Warum Fehler nichts Schlechtes sind

Irren ist menschlich, sagt der Volksmund. Im Arbeitsleben ist das aber leider teilweise noch anders. So mancher Chef geht mit Irrtümern und Fehltritten nicht ganz so verständnisvoll um. Dabei liegt in jedem Fehler eine große Chance, zu lernen und sich zu verbessern, sagt Expertin Jelena Klingenberg. Wir haben mit der Gründerin von hppyppl über den richtigen Umgang mit den Irrungen und Wirrungen im Arbeitsleben und den Aufbau einer guten Fehlerkultur gesprochen.

Das Interview führte Sonja Dietz

Fehlerkultur: Was Big Player wie Google anders machen

Moderne Organisationen wie Google sagen: Jeder darf Fehler machen. Die Konzerne bieten Mitarbeitern sogar gezielt an, einen Teil ihrer Arbeitszeit darauf zu verwenden, an neuen Ideen zu experimentieren. Manchmal entsteht in diesen Timeslots die Idee für ein neues Produkt, vielleicht sogar das NEXT BIG THING. Die meisten Einfälle werden aber wieder verworfen. Hat sich die früher so weit verbreitete Angst vor Fehlern in der Arbeitswelt verändert?
Glücklicherweise, ja. Unternehmen erkennen zunehmend, wie viel wir aus Fehlern lernen können. Je früher wir einen Fehler machen und diesen analysieren, umso mehr können wir große Fehler vermeiden. Wenn wir unsere kleinen Fails gezielt analysieren und dabei systematisch vorgehen, lernen wir jedes Mal aus ihnen und umgehen die ganz großen Irrtümer, die entstehen, wenn viele kleine Fehler kulminieren. Insofern ist Trial & Error – wir probieren etwas aus, analysieren es, verbessern oder verwerfen es – genau der richtige Weg zur Innovation.

Das heißt also, um weiterzukommen, müssen wir ein gewisses Maß an Fehlern zulassen? Ganz genau! Wir müssen Fehler zulassen und sie teilweise sogar forcieren. Gleichzeitig müssen wir folgenreiche Fehler gezielt vermeiden. In kritischen Bereichen wie der Steuerung eines Atomkraftwerks dürfen zum Beispiel natürlich nie Fehler passieren. Wenn wir uns aber bewusst werden, dass Fehler nicht gleich Fehler ist, sind wir schon mal einen großen Schritt weiter. Unternehmen müssen sich also überlegen: In welchen Bereichen will und kann ich Fehler zulassen oder gar forcieren und wo muss ich sie zwingend vermeiden? Die ganz große Kunst ist es dann, bei den Fehlern, die wir forcieren wollen, darauf zu achten, dass alle daraus lernen. So entsteht eine Fehlerkultur.


 

Monster Online Seminar mit Jelena Klingenberg – Fehlerkultur in Unternehmen
Sie möchten einen positiven Umgang mit Fehlern in Ihrer Unternehmenskultur etablieren, dazu braucht es allerdings ein Umdenken in Ihrer Organisation. Wir haben die Expertin für Fehlerkultur, Jelena Klingenberg, zu unserem Monster Online Seminar eingeladen. Sie gibt Tipps, wie Sie die ersten Schritte zu einer gesunden Fehlerkultur in Ihrem Unternehmen gehen können.

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Wo:        Online
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Was ist ein Fehler? Eine Definition.

Ist es denn in diesem Zusammenhang überhaupt noch richtig, von Fehler zu sprechen? Der Begriff ist ja von sich aus extrem negativ besetzt – und das offensichtlich zu Unrecht…
Ich glaube eher, dass wir unsere Einstellung verändern sollten. Dass Fehler schlecht oder böse sind, lernen wir im Grunde erst ab dem Schulalter. Alle Kinder praktizieren klassisches Trial & Error. Sie kennen Fehler als solche gar nicht. Für sie ist jedes Hinfallen ein Aha-Moment und dann stehen sie auf und wissen, wie es beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen besser geht. So haben wir alle Laufen und so vieles andere gelernt. Erst in der Schule merken wir dann an dem roten „F“ an der Seite des Heftes, dass ein Fehler etwas ist, das nicht gut ist. Das ist schade und im Grunde falsch.

Lässt sich diese Haltung wieder zurückdrehen? Sollten wir alle kindlicher denken?
Ja, wir können unsere Sicht auf Fehler auch wieder ändern und in die positive Sichtweise zurückführen. Nach dem Motto: Jedes Hinfallen ist für mich ein Aha-Moment. Die richtig erfolgreichen Menschen unterscheiden sich von den nicht-erfolgreichen nicht etwa darin, dass sie keine Fehler machen, sondern dass sie einfach ein oder zweimal mehr wieder aufgestanden sind. Darin liegt der entscheidende Unterschied.

Der richtige Umgang mit Fehlern im Businessalltag

Sprechen wir über den Arbeitsalltag. Wie schafft es eine Führungskraft, bei Mitarbeitern den Blick zu öffnen, dass Fehler per se nichts Schlechtes sind?
Was jede Führungskraft tun kann, ist selbst eine gute Fehlerkultur vorzuleben und über ihre eigenen Irrtümer zu reden. Damit tun sich aber viele schwer. Wir alle verdrängen unser Fehler und Rückschläge lieber und denken nicht darüber nach. Führungskräften würde ich daher drei Dinge raten. Erstens: Versuchen Sie mit sich selbst ins Gefecht zu gehen, fangen Sie bei sich an und teilen Sie Ihre Fehler. Zweitens: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und zeigen Sie, dass Rückschläge nichts Schlimmes und kein Tabu sein müssen.

Und drittens?
Drittens: Gehen Sie mit Fehlern im Team angemessen und zielorientiert um. Predigen Sie also nicht einerseits, wie wichtig eine gute Fehlerkultur ist und bekommen dann andererseits einen Wutanfall, sobald einer passiert. Besser ist es, mit einem Fehler neutral umzugehen und zu hinterfragen: Wie lange wissen wir schon, dass dieses Problem besteht? Was brauchen wir, um es zu lösen? Wo kommt der Fehler her? Wie muss das System künftig verändert werden, damit er nicht noch einmal passiert?

Was machen stattdessen Schuldzuweisungen mit einem Mitarbeiter?
Niemand ist gerne der Buhmann und steht mit dem Rücken zur Wand. Zumal jeder, der merkt, dass er einen Fehler gemacht hat, damit eigentlich schon bestraft genug ist. Zum Beispiel, weil Selbstzweifel an einem nagen. Dann bringt es nichts, vom Vorgesetzten noch eins auf den Deckel zu bekommen oder vor dem ganzen Team bloßgestellt zu werden.

Aufbau einer Fehlerkultur in Unternehmen

Wie geht’s besser?
Viel produktiver ist es, Trost und ein Schulterklopfen zu bekommen. Nach dem Motto: „Wir sind alle nur Menschen, das ist mir auch schon passiert.“ Das hilft dem Mitarbeiter aus seinem Tief und spornt ihn an, es künftig anders zu machen. Die Angst vor Fehlern blockiert indessen und sorgt dafür, dass wir noch mehr Fehler machen. Wir sind dann so fokussiert auf das Vermeiden von Fehlern, dass wir einen regelrechten Tunnelblick annehmen. Und wer nicht mehr nach links und rechts schaut, übersieht weitere Dinge und weitere Fehler entstehen.

Diesen Teufelskreis kennt wohl jeder von uns. Jetzt kommt der Moment für Deinen Geheimtipp: Wie lässt er sich wirkungsvoll im ganzen Unternehmen durchbrechen?
Der wichtigste Hack ist sicher: Es hilft nichts, den neuen Umgang mit Fehlern nur in einem Team zu trainieren. Das Thema muss von allen gelebt werden. Dazu können zum Beispiel Führungskräfte ausgebildet und für das Thema Fehlerkultur sensibilisiert werden. Aber auch die Mitarbeiter sollten den neuen Umgang mit Fehlern erlernen. Wie wäre es zum Beispiel mit internen Fuck-Up Nights? Diese sorgen dafür, das Irrtümer entstigmatisiert werden und eine Leichtigkeit in das Thema kommt. Aber natürlich kann sich eine Organisation nicht von heute auf morgen drehen. Wandel braucht Zeit. Die sollte man sich unbedingt geben. Alles andere wäre ein … Fehler.


 

Jelena Klingenberg…
… ist Gründerin von hppyppl, einem Start-up, das sich auf agiles HR-Management spezialisiert hat. Jelena ist erfahrene Führungskraft, Strategin und Coach. Sie hat sowohl in Großkonzernen als auch Start-Ups im Bereich Kultur-, wie auch Organisationsentwicklung gearbeitet. Sie ist zweifache Mama und tut alles, was sie tut mit Herzblut. Ihre jahrelange Erfahrung als Consultant & Coach im Bereich Führung und Kulturentwicklung trägt sie auch in die Unternehmen unserer Co-Companies. Als Keynote-Speakerin spricht sie über das Scheitern, was es mit uns Menschen und mit Unternehmen macht und wie wir in Zukunft damit umgehen müssen.