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Gamification: Personaler (noch) ohne Spieltrieb

Gamification: Personaler (noch) ohne Spieltrieb

Wie aufgeschlossen gibt sich HR gegenüber neuen technischen Methoden zur Personalgewinnung wie Gamification? Laut der  Studie „Recruiting Trends 2016“ setzen sich Online-Spiele sich als Recruiting-Intrument nur langsam durch.

Von Tatjana Krieger

Passionierte Gamer beten es schon lange vor: Online-Spiele sind nicht immer so dumm, wie Kulturpessimisten und Medienkritiker mahnen:

  • Ohne strategisches Vorgehen ist eine zuvor aufgebaute virtuelle Stadt schnell pleite.
  • Ohne Teamplay und Kommunikationsskills wird der Weltenboss nie die Beute an seine Angreifer abtreten.
  • Und wer die notwendige Kombinationsgabe vermissen lässt, wird vielleicht nie das Tor zur nächsten Spielebene aufstoßen.

Gamification: Eigenschaften des Kandidaten testen

Dass Spiele Fähigkeiten sichtbar machen, die auch im Berufsleben gefragt sind, hat im Personalwesen ein neues Buzzword hervorgebracht: Gamification. Darunter versteht man Online-Applikationen, die spielerisch gezielt Eigenschaften oder Vorkenntnisse des Anwenders abfragen – entweder als Self-Assessment zur Einschätzung der eigenen Fähigkeiten oder um eine grobe Vorselektion geeigneter Kandidaten durchzuführen.

Trotz dieser Vorteile sind Spiele als Teil des Recruiting-Prozesses noch wenig verbreitet. Tim Weitzel von der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg wollte es genau wissen und fragte für die in Kooperation mit Monster Worldwide entstandene Studie „Recruiting Trends 2016 – Techniksprung in der Rekrutierung“ bei den Top 1.000 Unternehmen aus Deutschland sowie den Top 300 Unternehmen aus den Branchen Automotive, Handel und IT nach. Daneben wurden über 4.800 Stellensuchende befragt.

Von den Firmen, die sich an der Untersuchung beteiligten, bieten aktuell gerade einmal knapp 2,5 Prozent Recruiting Games zur Selbstüberprüfung der Kandidaten auf der eigenen Webseite oder Fanseite innerhalb eines sozialen Netzwerkes wie Facebook an. In Zukunft planen immerhin 3,6 Prozent der Top 1.000 Unternehmen Deutschlands, eine Gamification-Anwendung auf ihrer Firmenwebseite zu integrieren. In sozialen Netzwerken beabsichtigen das 2,4 Prozent. „Aus Unternehmenssicht kommt Recruiting Games im Personalwesen aktuell noch keine hohe Bedeutung zu“, schlussfolgert das Wissenschaftlerteam rund um Studienleiter Tim Weitzel.

Gamification: Der Handel steht auf Spiele

Dass die Forscher damit Recht haben, beweist insbesondere ein Blick auf einzelne Schlüsselbranchen: Von den an der Studie teilnehmenden Unternehmen aus den Bereichen Automotive, Handel und IT verzichten noch alle auf die spielerischen Self-Assessments auf der eigenen Karriereseite. Immerhin im Handel betreiben 10 Prozent auf einer Social-Media-Plattform ein Online-Game. Aufgeschlossen gibt sich der Handel auch für die Zukunft: Von den Befragten haben alle vor, eine solche Anwendung in der Zukunft umzusetzen. Dem stehen 93,3 Prozent aus der Automobilwirtschaft und 90,9 Prozent aus dem IT-Umfeld gegenüber. Insgesamt gab sich der Bereich IT am zugeknöpftesten, was die Nutzung von Gamification auf der Karriere-Seite angeht. 9,1 Prozent schlossen dies auch für die Zukunft aus (Automotive 6,7 Prozent, Handel 0 Prozent).

Zu dem Unternehmen, die in schon auf den Gamification-Zug aufgesprungen sind, gehören – unabhängig von der aktuellen Studie die französische Eisenbahngesellschaft SNFC,  die Lufthansa und die Telekom. Auch das Verlagshaus Gruner und Jahr bietet Absolventen mit „Cypress“ auf seiner Homepage ein simples aber effektives Spiel zur Abgleichung von Wunsch und Wirklichkeit: Wer sich für ein Trainee-Programm interessiert, kann hier testen, ob er sich eher für die Gestaltung eines Magazin-Covers, für Marktanalysen oder die durch Prämien unterstütze Gewinnung von Neuabonnenten eignet. Diese Firmen gehören noch zu einer Minderheit, woran sich in naher Zukunft wohl nichts signifikant ändern wird.

Gamification: Serious Games als E-Assessment

Ein verhaltenes Bild gibt erst recht die Nutzung von Serious Games als E-Assessment ab, zu dem man erst nach positiv beurteilter Bewerbung Zugang erhält: Hier sind es sogar nur 1,2 Prozent der Firmen, die per Online-Game prüfen, ob sie einen Kandidaten zu einem Vorstellungsgespräch einladen. 97,6 Prozent schließen das auch zukünftig aus. Dem stehen jedoch 9,8 Prozent der Jobsuchenden gegenüber, die angaben, nach einer Bewerbung schon einmal eine Einladung zu einem Online-Spiel erhalten zu haben. Damit verzichtet eine überwältigende Mehrheit der Unternehmen darauf, nähere Informationen über Bewerber zu erlangen.

Ob das so bleibt? Auf der Bewerberseite wird der Wert von Gamification-Anwendungen nämlich durchaus geschätzt: „Die Studie zeigt aus Sicht der Kandidaten, dass etwa drei von zehn Stellensuchende und Karriereinteressierte die Nutzung von Recruiting Games gutheißen, um die Persönlichkeit zu erfassen und Soft-Skills sowie Fähigkeiten zu überprüfen“, urteilt die Studiengruppe aus Bamberg. „Die Nutzung von Online-Spielen birgt nicht nur Vorteile, sondern kann ebenfalls mit Nachteilen verbunden sein“, gibt das Forscherteam aber zu bedenken. Dazu gehört, dass das Unternehmen niemals sicher sein kann, ob der Kandidat das Spiel persönlich abgeschlossen oder einen anderen damit beauftragt hat. Die Skepsis ist begründet, denn 7,4 Prozent der Stellensuchenden geben zu, dass sie bereits einmal jemand gebeten haben, ein Game im Rahmen ihrer Stellensuche für sie zu absolvieren, weil sie sich davon ein besseres Ergebnis versprachen.

Recrutainment-Spiele gehen ins Geld

Dass sich Personaler dem Recruiting via Online-Games nur zögerlich öffnen, hat gute Gründe. Konzeption, Design, Programmierung – ein Recrutainment-Spiel zu entwickeln, geht ins Geld. Wer sich die Kosten für diese Spielerei nicht leisten kann oder möchte, verpasst allerdings die Chance, insbesondere die Generation Y und Z mit einem niedrigschwelligen Angebot in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen. Ob am PC, an der Konsole oder auf dem Smartphone: Das kurze Game zwischendurch gehört für den Nachwuchs längst dazu und ist deshalb geeignet, die Sympathie- und Imagepunkte eines Unternehmens in die Höhe zu treiben.

Auch lässt sich die Qualität der Bewerbungen verbessern, wenn Interessenten, die ihre Fähigkeiten falsch einschätzen, frühzeitig erfahren, für welchen Bereich sie talentiert sind. Unternehmen, die sich auf das Abenteuer Gamification einlassen, sollten nicht an der professionellen Umsetzung sparen. Denn bei Employer-Branding-Videos konnte man zuletzt beobachten, wie sich Betriebe mit laienhaften Filmchen online zur Lachnummer gemacht haben. Qualität gehört auch beim Spiel unbedingt dazu.