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Unconscious Bias: Unbewusste Vorurteile im Recruiting

Unconscious Bias: Unbewusste Vorurteile im Recruiting

Unconscious Bias – haben Sie diesen Begriff schon mal gehört? Gemeint sind unbewusste Denkmuster, die uns alle prägen. Wir sehen zum Beispiel eine Person und stecken sie direkt in eine Schublade. Leider nicht immer in die richtige. Im Recruiting kann das zu erheblichen Fehlentscheidungen führen. Wir geben Tipps, wie Sie diese vermeiden können.

 Von Sonja Dietz 

Warum unser Gehirn in Schubladen denkt

Immer, wenn wir jemandem begegnen, scannen wir diese Person nach verschiedenen Parametern ab. Frau, Mann oder divers? Jung? Alt? Gepflegt? Ungepflegt? Das geschieht auch bei der Personalauswahl. Innerhalb des Bruchteiles einer Sekunde fällt unser Gehirn eine Entscheidung: Ist diese Person kompetent für eine bestimmte Funktion oder eher nicht?

Dabei wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts über diesen Menschen. Unser Kopf zieht einfach eine Schublade auf und packt ihn hinein. Und zwar nach dem folgenden Prinzip: Personen, die uns ähneln, bewerten wir meistens positiv. Denn sie geben uns ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als „Mini-Me-Effekt“ bezeichnet. Außerdem sind wir alle „Gewohnheitstiere“, die versuchen, Veränderungen weitgehend zu meiden. Auch deshalb wird jeder, der anders tickt als man selbst, eher gemieden.

Was bedeutet Unconscious Bias? Eine Definition.

In einem Bewerbungsverfahren in einem eher konservativen Unternehmen betrifft das dann zum Beispiel die Bewerberin mit den grellrot gefärbten Haaren, den angehenden Praktikanten mit dem ungewöhnlichen Tattoo im Gesicht oder den Jobanwärter im Rollstuhl. Ihre Bewerbungen landen zumindest in Gedanken schnell auf „Ablagestapel P“. Bekommen sie dennoch eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, werden sie es schwerer als andere Kandidaten haben. Viele dieser Entscheidungen werden eher unbewusst getroffen. Experten bezeichnen das als Unconscious Bias.

In der Wirtschaft führen diese unbewussten Denkmuster leider regelmäßig zu einer nachweisbaren Benachteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Das belegt der aktuelle europaweite Report von Monster „Diversität, Gleichheit und Inklusion – so definieren Sie eine inklusive Einstellungsstrategie“.

Beispiele für verbreitete Stereotype

Die Studie nennt ein paar signifikante Beispiele für Unconscious Biases:

  • Älteren Bewerbenden wird häufig nicht die gleiche Leistungsfähigkeit zugetraut wie jüngeren und werden vorschnell aussortiert. 40 Prozent der von uns befragten Personen innerhalb der EU sind der Meinung, dass derartige Diskriminierungen in ihrem Land weit verbreitet sind.
  • Die Arbeitsleistung von Frauen wird oft unbewusst geringer geschätzt als die von Männern, was sich in schlechteren Jobchancen und einem niedrigeren Gehalt niederschlägt. Jedenfalls finden laut der Forschungsergebnisse von Monster nur 58 Prozent der weiblichen Kandidaten, dass sie ein faires Gehalt bekommen. Im Gegensatz zu 70 Prozent der männlichen Befragten.
  • 37 Prozent der Europäer denken außerdem, dass die Hautfarbe eines Kandidaten/einer Kandidatin einen Nachteil bei der Arbeitssuche darstellt.
  • Auch die geschlechtliche Identität mündet häufig in einer negativen Bewertung eines Talents. Jedenfalls gehen innerhalb der EU nur 51 Prozent der transsexuellen Bewerber einer bezahlten Beschäftigung nach, im Vergleich zu 69 Prozent der Gesamtbevölkerung. Möglicherweise spielen hierbei unbewusste Berührungsängste eine Rolle.
  • Aus einem ähnlichen Grund haben es auch behinderte Menschen schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden, meinen 41 Prozent der Europäer.

Folgen von unbewussten Klischees in der Arbeitswelt

Was daraus folgt, wenn Unternehmen Bewerber regelmäßig wegen ihres Alters, des Geschlechts, der Abstammung oder ihrer körperlichen Verfassung geringere Chancen einräumen, liegt auf der Hand: Arbeitgeber stellen immer wieder den gleichen Mitarbeitertypus ein.

Damit schaden sie sich aber gleich in mehrfacher Hinsicht selbst, wie unsere Marktforschungen ergeben haben:

  • Eine bunte Belegschaft macht ein Unternehmen meist innovativer, weil beim Entwickeln neuer Produkte aufgrund unterschiedlicher Lebenserfahrungen und Sozialisationen viele verschiedene Meinungen, Ideen und Perspektiven einfließen.
  • Gelebte Vielfalt macht Unternehmen außerdem attraktiver für Kandidaten. Laut unseres Monster Insights Reports achten 86 Prozent der Kandidaten in einer Stellenanzeige darauf, wie es ein Arbeitgeber mit den Themen Diversität, Gleichheit und Inklusion hält.

6 Tipps: Schluss mit Schubladendenken bei der Personalsuche

Vieles spricht also dafür, sich als Unternehmen bunter und vielfältiger aufzustellen. Aber ist das überhaupt möglich? Oder sind wir unseren unbewussten Vorurteilen hilflos ausgesetzt? Nein! Es gibt Wege, um die eigenen Recruitingprozesse vorurteilsfreier zu gestalten.

Die folgenden Tipps helfen Ihnen dabei, nicht in die Unconscious-Bias-Falle zu tappen:

#1 Verwenden Sie in Stellenanzeigen eine vorurteilsfreie Sprache

Beziehen Sie schon beim Erstellen von Stellenausschreibungen bewusst vielfältige Bewerber ein, indem Sie eine gendergerechte Sprache verwenden, von der sich alle Geschlechter angesprochen fühlen. Betonen Sie in Ihren Stellenanzeigen außerdem explizit, dass Sie auf eine diverse und inklusive Firmenkultur Wert legen. Achten Sie in diesem Zusammenhang auch darauf, dass Ihre Stellenanzeigen für behinderte Bewerber gut lesbar und barrierefrei sind. So animieren Sie vielfältige Talente zu einer Bewerbung.

#2 Denken Sie über „Blind Hiring“ nach

Eine weitere Möglichkeit, um unbewusste Vorurteile bei der Personalauswahl zu vermeiden, ist Lebensläufe und Bewerbungsunterlagen „blind“ zu bewerten. Entfernen Sie dazu das Foto, den Namen, das Alter und das Geschlecht eines Kandidaten oder einer Kandidatin. So können Sie sich bei der Vorselektion ausschließlich auf die Kompetenzen eines Bewerbenden konzentrieren – unabhängig von sozialen Faktoren. Viele Recruiting-Softwares unterstützen Personalsuchende übrigens dabei, einen Blind-Check von Bewerbungsunterlagen durchzuführen. Sie können auf Knopfdruck in den Blind-Modus wechseln.

#3 Standardisieren Sie Ihre Bewerbungsgespräche

Legen Sie für Ihre Jobinterviews einen gut strukturierten Fragenkatalog fest. Fragen Sie bei jedem Bewerber alle relevanten Kompetenzen, die für einen Job wichtig sind, vollständig ab. Indem Sie allen Kandidaten die gleichen Fragen stellen, gewähren Sie ihnen die gleichen Chancen, sich zu präsentieren und es fallen bei einzelnen Talenten, die vielleicht nicht so ins Muster passen, keine wichtigen Details unter den Tisch. Das erhöht die Objektivität bei der Auswahl.

#4 Führen Sie Bewerbungsgespräche nicht allein

Binden Sie in das Jobinterview neben dem oder der Linienvorgesetzten auch einige Kollegen und Kolleginnen aus der Fachabteilung ein. So gewinnen Sie ein vielfältigeres Bild von einem Bewerber aus unterschiedlichen Perspektiven.

#5 Legen Sie objektive Bewertungskriterien fest

Gehen Sie bei der anschließenden gemeinsamen Entscheidungsfindung, ob das Talent den Job bekommen soll oder nicht, streng nach objektiven Bewertungskriterien vor. Legen Sie diese im Vorfeld fest und haken Sie sie Punkt für Punkt ab.

#6 Gehen Sie kritisch mit ihren eigenen Bewertungen um

Machen Sie sich bei der Auswahl bewusst, dass es immer persönliche Bewertungstendenzen geben kann und hinterfragen Sie kritisch, falls Ihnen Ihr Bauchgefühl von der Einstellung einer Person abrät, die alle objektiven Kriterien erfüllt. Sie finden keine rationale Begründung? Dann haben Sie es offensichtlich mit einem unbewussten Vorurteil zu tun. Das ist Ihre Chance! Durchbrechen Sie es gezielt!

Fazit: Fairness im Recruiting beginnt bei der Stellenanzeige

Unbewusste Vorurteile haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, wie wir Menschen im Recruiting begegnen. Oft spielen Hautfarbe, soziale Herkunft, ethnische Zugehörigkeit und das Geschlecht eine Rolle.

Die damit verbundenen Stereotype können zu Verzerrungen in der Personalauswahl führen. Die unbewussten Denkmuster lassen sich zwar nicht einfach ablegen, aber mit ein paar Vorkehrungen im Recruitingprozess und mit ein wenig Übung können sie nach und nach abgemildert werden.

Unconscious Bias vermeiden? Monster unterstützt Sie dabei!

Für uns fängt Fairness im Recruiting auf jeden Fall schon in der Stellenanzeige an. Sie wollen mehr über das Thema gendergerechte Sprache und Diversity in Stellenanzeigen erfahren? In unseren Diversity-Workshops erlernen Sie das Handwerkszeug, wie Sie mit den richtigen Strategien Ihre Zielgruppen für sich einnehmen.