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Arbeitswelt der Zukunft: Das „Muss“ geht in Rente

Arbeitswelt der Zukunft: Das „Muss“ geht in Rente

Das Jahr 2020 stellt in der Arbeitswelt eine Zäsur dar. Vieles musste sich von jetzt auf gleich ändern. Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter reihenweise ins Home-Office, Remote Working gehörte von jetzt auf gleich zur Tagesordnung. Für Arbeitnehmer bedeutete das, sich auf neue Arbeitsweisen einzustellen, neue Tools anzuwenden und unter neuen Vorzeichen mit ihrem Team zusammenzuarbeiten. Was bleibt von diesem außergewöhnlichen Realexperiement? Wir haben mit Zukunftsforscher Oliver Leisse über die Arbeitswelt der Zukunft gesprochen.

 

Das Interview führte Sonja Dietz

 

Corona eröffnet den Blick in die Arbeitswelt der Zukunft

Wir sind in den letzten Wochen durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen, haben in der Arbeitswelt viel experimentiert und neue Routinen geprobt. Hat uns Corona-Pandemie in die Arbeitswelt der Zukunft blicken lassen?
Ja, das ist ganz sicher so. Im Bereich der Arbeit können wir starke und sofortige Auswirkungen erkennen. Von der Präsenzkultur kommen wir nun zu einer neuen Effizienzkultur, in der das Ergebnis im Vordergrund steht. Nicht mehr die Zeit, die man investieren musste, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Der Vorteil: Wer seine Arbeit effizient organisieren kann, diszipliniert ist und gelernt hat mit Selbstverantwortung umzugehen, ist klar im Vorteil. Mehr Freiheit und Spaß bei der Arbeit ist die Folge.

 

 

Wir rutschen in eine Phase, in der wir aufgrund des Trends zum remote Arbeiten zwischen den Polen Arbeitswelt und Privatleben hin und hergeworfen werden. Sie sagen in diesem Zusammenhang, das Thema Work Life Balance sei überholt. In der Arbeitswelt der Zukunft spiele eine gute Work Life Blend eine Rolle. Was meinen Sie damit?
Arbeit und Leben vermischen sich aktuell immer mehr. Wir beginnen schon morgens, vor dem Zähneputzen mit dem Checken der E-Mail und abends, nach dem Zähneputzen, gehen wir noch einmal die To Dos für den kommenden Tag durch. Es gibt in der Zukunft keine starren Begrenzungen mehr. Warum auch? Wir werden vom 9 to 5 Postulat befreit. „Wer hatte sich das eigentlich ausgedacht?“ fragen wir uns. Wir arbeiten, wenn wir arbeiten möchten. Das „Muss“ geht in Rente. Natürlich gehört dazu eine persönliche Stärke und Entschlossenheit die neuen Möglichkeiten zu nutzen und seine Zeit zu priorisieren. Wenn ich nicht arbeiten will, muss ich auch in der Freizeit nicht ans Telefon gehen. Wenn ich arbeiten will, kann ich nicht mit dem Sohn Fussball spielen. Wir lernen jetzt schnell, diese neue Art der Arbeit, die Lernkurve ist steil.

 

 

Arbeitswelt der Zukunft erfordert neue Routinen

 

Welche neuen Rituale und Routinen müssen für die Arbeitswelt der Zukunft eingeübt werden?
Online-Arbeit hat ihre eigenen Regeln und ist nicht immer leicht zu erlernen. Ein Beispiel: Meetings mit asiatischen Teilnehmern ist für diese recht unangenehm, denn man schaut sich aus Respekt eigentlich in Meetings gar nicht direkt an. Am Bildschirm der Videokonferenz lässt sich das aber nicht vermeiden, ein Hindernis, dass kulturell verankert ist und Übung benötigt, um es zu überwinden. Teambuilding war nie wichtiger als jetzt, da es wenige persönliche Meetings und viele virtuelle gibt. Da man nicht zusammen feiern kann, muss man den Kontakt online halten und im Idealfall vertiefen. Das Medium an sich ist gar nicht verkehrt, man kann gemeinsam auf Escape Room Abenteuer gehen, gemeinsam Rätsel lösen.

 

Wie können diese neuen Rituale und Routinen entwickelt werden und von wem?
Es finden sich schon viele Angebote zum Teambuilding. Ich selbst gebe gerade Online-Seminare zum Thema Online-Work und Teambuilding, einfach, weil mich meine Kunden darum bitten, hier zu helfen. Ich sehe vier Pfeiler dieser neuen Arbeitskultur.

 

 

Die vier Grundpfeiler in der Arbeitswelt der Zukunft

 

Welche sind das?
Der erste Pfeiler der Arbeitswelt der Zukunft ist die Selbstwirksamkeit. Wir müssen das neue Arbeiten mit mehr Eigenverantwortung und Home-Office Phasen lernen und erkennen, was wir auf diesem Feld schon können. Dann die Stärken weiter ausbauen. Kommunikation ist jetzt sehr wichtig und nicht jeder kann PowerPoint Slides bauen, die man gut verstehen kann, wenn man sie anderen Teilnehmern online zeigt. Das kann man lernen. Der zweite Pfeiler ist Authentizität. Wir müssen lernen, uns authentisch auf der digitalen Ebene zu bewegen. Im Gespräch Auge in Auge fällt es uns nicht schwer – zum einen selbst Signale zu senden, zum anderen die Signale des Gesprächspartners schnell zu dekodieren. Aber vor dem Laptop oder dem iPhone sind wir mit unserem kommunikativen Latein am Ende und stehen am Anfang. Wie bringe ich meine Persönlichkeit mit ein? Wie erkenne ich, was von all dem, was in einem Gespräch gesagt wurde, wichtig ist? Auch das kann man lernen.

 

Kommen wir zu Pfeiler drei und vier…
Der dritte Pfeiler ist Spontanität. Wir fahren in der nahen Zukunft auf Sicht. Die Lage muss ständig neu bewertet werden. Ohne Agilität und Spontanität geht es nicht. Dies ist die Zeit der Unsicherheit. Es ist wichtiger, Entscheidungen zu fällen als richtige Entscheidungen zu fällen. Die richtigen Entscheidungen brauchen eine Zeit der Vorbereitung, die wir nicht mehr haben. Spontan sein will gelernt sein, aber auch das kann man lernen. Der vierte Faktor ist die Teamfähigkeit. Zwar arbeiten wir jetzt öfter getrennt, aber wir müssen zusammen denken und entwickeln. Endlich arbeiten wir in Dokumenten, die gleichzeitig mehreren Autoren zugänglich sind. Und wir sehen, das geht noch viel besser als wenn jeder nur für sich denkt. Das braucht Übung. Aber das kann man lernen.

 

 

Wir werden neue Arbeitsorte erschließen

 

Die Art und Weise, wie wir unsere Arbeitszeit einteilen wird sich verändern, inwiefern werden sich auch Arbeitsorte verändern?
Das geht schon in die Vision über, aber ich denke, wir bekommen zunehmend mehr Freiheiten in der Wahl des Arbeitsplatzes. Heute zu Haus, morgen am Strand oder bei der Freundin auf dem Sofa. Wenn ich das Glück habe, virtuell und flexibel arbeiten zu können, werden die Beschränkungen, was den Ort angeht fallen. Die Japaner machen ja, wie wir wissen, gerne Ausflüge in die Natur, dort gibt es auch das Waldbaden. Wenn man hier nach ausgiebiger Badezeit den Rechner herausholt, sind bessere Ergebnisse sicher die Folge.

 

Blicken wir einmal 10 Jahre in die Zukunft: Was ist Ihre Vision von der Arbeitswelt im Jahr 2030? Ist sie noch vergleichbar mit der von 2020?
Nein. Die repetitive Arbeit wird immer mehr automatisiert werden. Die Arbeit der Spezialisten auch, denn je mehr wir Arbeit spezialisiert haben, desto besser ist sie von Algorithmen und schwacher künstlicher Intelligenz zu übernehmen. Ein Taxifahrer muss aktuell nur Taxi fahren, das kann ein selbstfahrendes Auto auch. Ein Herzspezialist muss Daten analysieren, das kann eine entsprechende Software bald genauso gut oder besser.

 

Wie werden wir in der Arbeitswelt der Zukunft zusammenarbeiten?
Wir werden in familienähnlichen Kleingruppen arbeiten, die großen Unternehmen gibt es in der Form, wie wir sie kennen dann immer weniger. Diese familiären Kleingruppen sind divers besetzt. Alte und junge Generationen arbeiten zusammen. Die jüngeren bringen die verrückten Impulse ein, die älteren prüfen sie auf Machbarkeit. Phantasie trifft auf Pragmatismus und die Folge sind neue Lösungen, die machbar sind und sehr schnell umgesetzt werden können. Der Anteil von Frauen mit viel Intuition und Männern, die sich für Effizienz begeistern, ist ausgewogen. Viele Spezialleistungen werden von Solopreneuren eingekauft, Einzelunternehmern, die sich auf Spezialgebiete konzentrieren.

 

Oliver Leisse…
… war lange Jahre Strategie-Berater bei internationalen Werbeagenturen wie DDB, TBWA, BBDO und Springer & Jacoby. 1997 gründete er mit der EARSandEYES GmbH ein Institut für Online Marktforschung und Trendforschung. Dort baute er die Trendforschungsdivision auf. 2008 gründete er SEE MORE, das Institut für Trendforschung und innovative Strategien in Hamburg. Das Institut erforscht aktuelle Consumer Insights auf Basis qualitativer ethnografischer Forschung in etwa 50 Metropolen der Welt. Hier greift das Institut auf 100 Mitarbeiter zu, die vor Ort die Wünsche der Konsumenten beobachten, Trends erkennen und erforschen. Mit seinem Team entwickelt er neue Angebote, Marken und Zukunftsstrategien und berät Kunden wie die Deutsche Bank, TUI, Henkel und Schwarzkopf, Microsoft, die Deutsche Post, Google, Freenet, REWE, Rossmann, Goldwell und viele mehr.