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Praktikum: Welcher Lohn ist angemessen?

Einkommen und Gehalt

Praktikum: Welcher Lohn ist angemessen?

Praktika gehören inzwischen zu den meisten Studiengängen dazu wie Vorlesung oder Abschlussarbeit. Egal ob Bachelor oder Master – Studierende können durch Praktika schon recht früh in den beruflichen Alltag hineinschnuppern und sich so ein besseres Bild davon machen, wo und was sie nach dem Studium tun wollen. Doch welches Gehalt ist angemessen?

 

Von Michael Vogel

Es gibt Pflichtpraktika, freiwillige Praktika, Auslandspraktika. Selbst nach dem Studium gibt es eine gewisse Zahl von Absolventen, die – oft notgedrungen – nicht sofort in ein Arbeitsverhältnis wechselt, sondern noch das eine oder andere Praktikum dranhängt. "Arbeitgeber sollten Praktika als Rekrutierungsinstrumente verstehen", empfiehlt Désirée Heiden, Referentin Marketing bei Kienbaum Management Consultants, die dort im Bereich Compensation Consulting arbeitet. Schließlich könnten beide Seiten sich so gegenseitig kennen lernen. Inhalt, Rahmenbedingungen und Vergütung eines Praktikums sollten daher zueinander passen. Das gilt auch in punkto Lohn und Gehalt.

Welches Gehalt ist angemessen?


Doch wie viel sollten Praktikanten verdienen? "Je weiter fortgeschritten im Studium ein Praktikant ist und je mehr anderweitige berufspraktische Erfahrung er hat, desto besser kann ein Unternehmen ihn einsetzen", sagt Désirée Heiden. "Und je besser wiederum ein Praktikant einsetzbar ist, desto höher sollte auch seine Vergütung ausfallen." Diese Grundregel verdeutlicht auch bereits die Schwierigkeit, einen angemessenen Betrag festzulegen. Neben der Qualifikation, die ein Praktikant mitbringt, spielt dabei auch die Länge eines Praktikums ein wichtige Rolle: Fast zwangsläufig wird ein Praktikant, der zum Beispiel für sechs Wochen im Unternehmen ist, einen anderen Wertbeitrag liefern können als ein Praktikant, der ein halbes oder gar ganzes Jahr mitarbeitet.

Désirée Heiden nennt eine Spanne in der Praktikumsvergütung, die deutsche Unternehmen zahlen, von 400 bis 1200 Euro pro Monat. "Bei Werkstudenten kann der Betrag auch auf 1500 Euro steigen, bei Doktoranden sogar auf 2000 Euro", sagt sie. Dann seien das aber Tätigkeiten, deren Ergebnisse von besonderem Interesse für das Unternehmen seien. Die Personalberatung Alma Mater kommt in ihrer diesjährigen Gehaltsstudie unter Absolventen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Im Schnitt liegen die Vergütungen demnach bei 600 Euro pro Monat, maximal bei 2000 Euro. 

DGB: "Nichts zu zahlen ist deplaziert!"

Allerdings, so Alma Mater, gebe es auch Unternehmen, die weder Praktika noch Abschlussarbeiten vergüteten. Die Zahlen in der Gehaltsstudie beruhen auf den Angaben von knapp 600 Unternehmen. Eine erste Orientierung liefert auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): Er nennt eine Summe von etwa 300 Euro pro Monat für ein Praktikum während des Studiums. Nichts zu bezahlen hält der DGB für völlig deplatziert, schließlich bekämen ja auch Auszubildende eine angemessene Vergütung, so das Argument.

Dass bei einem Praktikum grundsätzlich das Lernen im Vordergrund steht, sollten sich auch die Arbeitgeber vergegenwärtigen. Wird ein Praktikant nämlich nur als billige Arbeitskraft missbraucht, kann das Folgen haben. So hat etwa das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg im Jahr 2008 einer Frau Recht gegeben, die ihren Praktikumsbetrieb auf Nachzahlung einer angemessenen Vergütung verklagt hatte (Az. 5 Sa 45/07). Revision wurde nicht zugelassen. 

Die Klägerin hatte ein sechsmonatiges Praktikum absolviert und für eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden monatlich 375 Euro erhalten. Das Gericht wertete die Vergütung als sittenwidrig, weil die Praktikantin überwiegend Aufgaben erledigen musste, die ansonsten eine Sachbearbeiterin oder Sekretärin übernommen hätte. Die Richter sprachen der Klägerin daher eine Vergütung von rund 1500 Euro pro Monat zu – Maßstab war die für eine Aushilfskraft im Unternehmen übliche Bezahlung.

Kein Missbrauch der Praktikumsidee


Wobei festzuhalten bleibt: Trotz solcher Urteile und trotz sehr schlecht oder unbezahlter Praktika gibt es in Deutschland keinen Missbrauch der Praktikumsidee auf breiter Front. Dies hat eine empirische Studie der Hochschulinformationssystem GmbH bereits 2007 nachgewiesen. Die Autoren, Kolja Briedis und Karl-Heinz Minks, kamen damals zu dem Schluss, dass "es sich bei Praktika nach dem Studium gegenwärtig nicht um ein Massenphänomen handelt und der Begriff ‚Generation Praktikum‘ mit Blick auf den beruflichen Verbleib von Hochschulabsolventen nicht gerechtfertigt ist". Im Jahr 2005 hatte ein Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" die Diskussionen um die Generation Praktikum und prekäre Arbeitsverhältnisse für Hochschulabsolventen losgetreten.

Einer 2011 veröffentlichten Studie, die die DGB-Jugend gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung und dem Arbeitsbereich Absolventenforschung an der FU Berlin durchgeführt hat, ist zu entnehmen, dass die Praktikantenvergütung erheblich mit der Studienrichtung variiert. So sei beispielsweise bei wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund die Wahrscheinlichkeit eines unbezahlten Praktikums deutlich geringer, und die Vergütung im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften liege deutlich unter dem Durchschnitt. Befragt wurden rund 670 Absolventen von Universitäten, die etwa 400 Praktika absolviert hatten. Der Anteil unbezahlter Praktika lag bei 40 Prozent.